Internationale Umbrüche in der großen Zeit des Imperialismus

Politik und Gesellschaft 1903:

Die Auseinandersetzungen zwischen Marxisten und Revisionisten beherrschen auch die Diskussion in den sozialistischen Parteien anderer europäischer Nationen, und nicht immer gehen sie so glimpflich ab wie bei den russischen Genossen. In London, wo sich die exilierten russischen Sozialdemokraten zu ihrer zweiten Tagung versammeln, endet sie mit der Spaltung in Menschewiki und Bolschewiki, denn nicht alle Delegierten teilen Lenins Konzept einer marxistischen Kampfpartei. Soziale Unruhen erschüttern das gesamte Zarenreich. Arbeiter und Bauern protestieren gegen unwürdige Lebensbedingungen und gegen das harte Vorgehen der Armee. Sie werden unterstützt von Studenten, die politische Veränderungen im autokratischen System fordern. Nach außen gibt sich die Zarenregierung trotz aller innenpolitischen Probleme selbstbewusst. So betreibt Petersburg zielstrebig die Ausweitung des Machtbereichs in Korea und der Mandschurei – ungeachtet eines drohenden Konflikts mit Japan, der zu Beginn des Jahres 1904 ausbricht. Mit diesen rücksichtslos verfolgten Expansionsgelüsten unterscheidet sich Russland in keiner Weise von anderen imperialistischen Mächten. Die internationale Politik ist bestimmt vom Streben nach Erweiterung der Macht- und Einflussbereiche. Großbritannien konnte 1902 durch den Sieg im Burenkrieg seine Territorien in Südafrika bedeutend vergrößern, Frankreich engagiert sich in Marokko, Italien blickt nach Libyen, und die USA nutzen die Monroe-Doktrin, um ihre Einmischung in die inneren Angelegenheiten der mittel- und südamerikanischen Staaten zu rechtfertigen. Ein eklatantes Beispiel für diese aggressive Einflusssicherung im eigenen Hinterhof ist die Abspaltung Panamas von Kolumbien, mit der sich Washington die uneingeschränkten Rechte über die Panamakanalzone sichert.