Reklame-Kunst ist gefragt

Werbung 1903:

Zugkräftige Werbung gewinnt mit dem Wachstum der Konsumgüterindustrie immer mehr an Bedeutung. Der Zwang, die Aufmerksamkeit des Käufers auf ihre Produkte zu lenken, veranlasst die Industrie zur Erarbeitung gut durchdachter Reklamekonzepte mit der »Marke« als Mittelpunkt. Hervorragendes Beispiel dafür ist die Kampagne für das Mundwasser »Odol« der Dresdener Firma Lingner. Name und Flaschenform als immer wiederkehrende Konstanten machen es zu einem der ersten Markenartikel.

Wichtigste Werbeträger sind Plakate, Emailschilder und Zeitschrifteninserate, für deren Gestaltung z. T. hervorragende Künstler herangezogen werden. Das Anliegen der Jugendstilbewegung, eine durchgehende Ästhetisierung aller Bereiche des Alltags, schafft bei den Schöpfern Aufgeschlossenheit gegenüber der Reklamekunst – sie ist praktisch Teil des Programms. Federführend sind hier die Zeitschriften des Jugendstils wie die »Jugend« und der »Simplicissimus« aus München, »Ver Sacrum« aus Wien und »Pan« aus Berlin. Ihre Künstler setzen mit Titelblättern, Illustrationen, Plakaten und auch Anzeigen künstlerische Maßstäbe, wobei sie hoffen, so auch Qualitätsansprüche bei der breiten Masse der Reklamekunden herauszufordern.

Viele Auftraggeber vertrauen allerdings noch immer auf Althergebrachtes. So stellt der Autor eines Artikels über das moderne Plakat im »Tag« fest, dass »der Geschäftsmann, der sein Reklameplakat beim Künstler in Auftrag gibt, noch immer die Wirkungsfähigkeit der modernen bildlichen Darstellung unterschätzt«. Er verlange z. B. eine »peinlichgetreue Abbildung seiner Ware, oder aber deren allegorische Apotheose, zu der dann der Künstler immer wieder die unglücklichen, emblembehangenen Genien aus der Rumpelkammer früherer Kunstepochen hervorsuchen und notdürftig modern aufstutzen muß«. Ergebnisse solcher Vorstellungen kann man nicht nur in Anzeigen wiedererkennen, sondern auch auf Reklamepostkarten. Um die Jahrhundertwende beginnt sozusagen das Goldenes Zeitalter der Postkarte, das sich die Firmen zunutze machen. Wie die traditionellen Sammelbildchen von »Liebig«, die es schon seit 1872 gibt, von »Palmin« oder »Suchard« sollen sie den Kunden für seine Treue mit einem bunten Bild belohnen. Verschickt, werben sie zudem überregional.