Rückzug in reine Formwelt

Wohnen und Design 1903:

Mit der Suche nach neuen Lebensformen in einer rationalisierten Massengesellschaft ist die Forderung nach einem Wandel der ästhetischen Welt verbunden. Die Kritik richtet sich gegen die industrielle Massenfertigung im historisierenden Stil, gegen die Flut von Gründerzeitkitsch in den Wohnungen des wilhelminischen Bürgertums. In der Entwicklung neuer Gestaltungsprinzipien vergegenständlicht sich die angestrebte Einheit von Mensch und Natur. Der Natur entlehnte Ornamente prägen den modernen Stil der jungen, progressiven Künstlergeneration Europas: In Deutschland als »Jugendstil« – nach der Münchner Zeitschrift »Jugend« -, in Frankreich als »Art Nouveau« und in Österreich als »Secessionsstil«. Alle Bereiche des Alltags werden durch neue Formen geprägt: Architektur, Möbel, Gebrauchsgegenstände, Mode, Buchgestaltung, Literatur und Kunst. Die mit dem Wandel einhergehende Abkehr von fabrikmäßiger Herstellung führt zur Aufwertung des Kunsthandwerks sowie des einzelnen Künstlers. In neu gegründeten Werkstätten geschehen Entwurf und Ausführung in enger Zusammenarbeit, und so entstehen Gegenstände aus edlen Materialien in exzellenter handwerklicher Qualität und ausgereiften Formen. Sie sollen Teil eines Gesamtkunstwerks sein, denn Architekten wie der Belgier Henry van de Velde, die Österreicher Joseph Maria Olbrich und Josef Hoffmann sowie die Deutschen Peter Behrens, Bernhard Pankok, Richard Riemerschmid u. a. verlangen eine einheitliche Gestaltung von Haus und Interieur. In solche Gesamtkunstwerke, in die nach Möglichkeit auch die Kleidung der Bewohner eingepasst wird, kann sich das von der profanen Außenwelt abgestoßene Bürgertum zurückziehen. Dieses Privileg auf stille Abgeschiedenheit in einem entsprechenden ästhetischen Rahmen hat allerdings seinen Preis. Projekte wie die Darmstädter Künstlerkolonie wären nicht ohne großbürgerliches Mäzenatentum denkbar. Zukunftsvisionen eines »schönen Alltags im klassenlosen Miteinander« wie sie z. B. der Brite William Morris (1834 – 1896) als ein Wegbereiter des Jugendstils entwarf, bleiben Utopie.