Sonntag geht’s ins Grüne

Urlaub und Freizeit 1903:

Freizeitgestaltung stellt um die Jahrhundertwende für die wenigsten Menschen ein Problem dar. Sechs Tage in der Woche zehn oder zwölf lange Stunden in den Fabriken, Geschäften und Büros lassen bei einem großen Teil der Bevölkerung den Gedanken daran kaum aufkommen. Die Zeit nach Feierabend spielt sich meist in der Familie ab, lediglich die Sonntage bieten Gelegenheit für anderweitige Entspannung.

An erster Stelle stehen noch immer das Wirtshaus, der traditionelle Ort zum Trinken, Reden und Kartenspielen, und – oft genug in Verbindung damit – das Vereinsleben. Freiwillige Feuerwehr, Taubenzüchter-, Gesang-, Krieger-, Schützenverein etc. zählen zu den wichtigsten Orten der Geselligkeit außerhalb des Arbeits- und Familienbereichs; hauptsächlich allerdings für die Männer, denn Frauen sind durch Haushalt und Kinder viel stärker an die Wohnung gebunden. Arbeiterfrauen erholen sich, wenn überhaupt, im Schrebergarten oder auf dem Sonntagsspaziergang in die Umgebung.

Der Sonntagsausflug mit längeren Wanderungen hat sich mit wachsendem Eisenbahnverkehr zu einem verbreiteten Familienvergnügen entwickelt. Davon zeugen u. a. die Angebote von Sondertarifen der Verkehrsunternehmen. Verbilligte Sonntagsrückfahrkarten für Eltern und Kinder, mit denen man an einem Ort aus- und einem anderen wieder einsteigen darf, sind sehr gefragt. Ein von großen Familien gern angenommenes Angebot ist die Möglichkeit, in den zahlreichen Ausflugsgaststätten mitgebrachte Brote zu verzehren und den Kaffee selbst zu kochen. Mehr Spaß an sportlicher Betätigung ist kennzeichnend für die Jugend in allen Schichten. Gab es bis in die 90er Jahre fast nur Turnvereine in Deutschland, treten nun die Ball- und Tennisspieler, Wassersportler, Schwimmer, Ski- und Schlittschuhfahrer ebenfalls im Verein auf. Vielfach gehören die Aktiven zu begüterten Kreisen, doch eröffnen Arbeitersportclubs den nicht so gut Verdienenden ebenfalls Möglichkeiten zur Betätigung.

Gänzlich ausgeschlossen sind die Arbeiter allerdings dann, wenn es um Urlaub und Reisen geht. Das Recht auf Urlaub, auch auf unbezahlten, wird in der Regel nur Beamten und zum Teil den Angestellten gewährt. In der Regel verbringen die Deutschen ihre Ferien entweder in einem Kurort oder in der sog. Sommerfrische. Ziele der Hocharistokratie und des Großbürgertums sind die Luxusbäder in Baden-Baden, Wiesbaden, Bad Homburg – dort pflegt Kaiserin Auguste Viktoria sich zu erholen – oder Orte in der Schweiz, an den oberitalienischen Seen und der Riviera. Jüngere Mitglieder dieser Gesellschaft schwärmen eher für Luxus-Seereisen – vorrangig in die USA – oder Bildungsreisen.

Den bürgerlichen Mittelstand zieht es in die Alpen oder in die Bäder an Nord- und Ostsee, dann folgen die Luftkurorte in den Mittelgebirgen. Je nach den finanziellen Möglichkeiten stehen luxuriöse Hotels oder preiswerte Pensionen und billige Fremdenzimmer zur Verfügung. Für die Familien ist es durchaus üblich, jedes Jahr in den gleichen Ort und die schon gut bekannte Pension zur Sommerfrische zu fahren. Gereist wird mit dem Zug, und das unabhängig vom Geldbeutel. Noch so teure Automobile sind kein Äquivalent für eine bequeme Bahnfahrt, die in der ersten Klasse zudem ausreichenden Luxus bietet.

In den Alpen hat sich seit einigen Jahren das Bergwandern und -steigen durchgesetzt, unterstützt vom 1869 gegründeten Alpenverein. Seine Mitarbeiter errichten Schutzhütten (z. Z. 218), stellen Bergführer zur Verfügung (1196) und legen Wege an. Gegenwärtig zählt der Verein 291 Sektionen und 55 974 Mitglieder überall im Deutschen Reich und in Österreich. Auf der 30. Generalversammlung am 26. Juli in Bregenz wird an dieser Entwicklung jedoch auch Kritik geübt, denn durch die steigende Zahl der Bergsteiger komme es immer häufiger zu Zerstörungen in der Natur.