Spitzen – Schleppen – Volants

Spitzen – Schleppen – Volants
Cover von Les Modes 1903 : Revue mensuelle illustrée des arts décoratifs appliqués à la femme. By Boissonas [Public domain], via Wikimedia Commons

Mode 1903:

Cover von Les Modes 1903 : Revue mensuelle illustrée des arts décoratifs appliqués à la femme. By Boissonas [Public domain], via Wikimedia Commons

Cover von Les Modes 1903 : Revue mensuelle illustrée des arts décoratifs appliqués à la femme. By Boissonas [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Mode des Fin de Siècle weicht dem leichteren, weniger schwülstigen, wenngleich ebenso aufwendigen Art Nouveau.

Die Silhouette pendelt zwischen gerader Front und Sans Ventre (frz., »ohne Bauch«), jener den Oberkörper zu einem starken Hohlkreuz nach vorne pressenden Korsettlinie. Zusätzlich haben Boleros, Plisseejabots oder ein blusiger Einsatz in der Mitte des Oberteils die Aufgabe, den Bauch optisch noch mehr verschwinden zu lassen. Die schlanke Taille betont eine mit einer leichten Schleppe genähte Schärpe aus Libertyseide. Das Reformkleid als bequeme Alternative findet nur wenig Anhängerinnen. Nachmittags- und Abendkleider haben eine derartige, auch vorne schleppende Länge erreicht, dass ein bequemes Gehen unmöglich ist. Hochraffen ist die einzige Lösung, die jedoch das Bein allzu sehr den Blicken freigibt. Deshalb dienen um die Waden bestickte oder inkrustierte Seidenstrümpfe als Blickfang.

Groß in Mode sind Spitzen, Mäntel, Boleros. Kleider werden ganz aus Spitzen oder mit derartigen Einsätzen gefertigt. Zarte Venezianische und Alengon-Spitzen sind ebenso mondän wie Guipure d’Irland, Filet-Guipure, Loch- und Schnurstickerei. Hochmodisch sind auch Kleider aus Musselin oder Charmeuse in Sonnen- oder Fächerplissee, deren Fältelung zuweilen um die Hüften für die schlanke Linie eingehalten ist. Bei den Abendroben sind dem Aufwand kaum Grenzen gesetzt. Applikationen und Inkrustationen – meist pastellfarbene Blüten auf weißer Chenille, Spitzenbordüren auf schwarzem Voile oder schwarze Pailetten auf weißem Fond – entsprechen dem Geschmack der eleganten Damen. Ihre Roben sind tief dekolletiert, sodass die Ärmel weit außen ansetzen und fast Gefahr laufen, über die Schultern zu gleiten. Der schlanke Hals wird durch eine vielreihige Perlenkette betont, das Dekolleté selbst bleibt ungeschmückt. Die dreiviertellangen zarten Volantärmel geben die Form der Schleppe wieder. Modehäuser wie Worth, Rouff, Martial et Armand, Paquin, Newfirm, Doucet schaffen die modischen Traumgebilde. Im Herbst macht sich Paul Poiret, ehemals Assistent bei Charles Frederick Worth, selbstständig und eröffnet ein Geschäft hinter der Pariser Oper in der Rue Auber. Seine künstlerische Schaufenstergestaltung, die er alle acht Tage wechselt, erregt Aufsehen. Erste Kundinnen sind Comtesse Greffuhle, Freundin und Muse von Marcel Proust, und die Tänzerin Lillie Langtry.

In der Tagesmode dominiert das bequeme Kostüm, dessen Jacke in einem eher männlichen, ja sogar uniformmäßigen Stil gehalten ist. Mäntel sieht man wenig, sie sind von geradem Schnitt und kürzer als das Kleid. Als ausgefallenes Beispiel bringt »Les Modes« einen femininen Militärmantel.

Ideenreich und kreativ sind die Hüte der Saison, die durch flache Formen auffallen. Rosenbouquets und Straußenfedern sind deren beliebtester Aufputz. Die Hüte tragen Namen wie »Tricorne Louis XV«, »Valois«, »Robespierre« oder »Lamballe« und stammen von den berühmtesten französischen Modistinnen wie Alphonsine und Maison Virot.

Die französische Modezeitschrift »Les Modes« berücksichtigt in diesem Jahr auch die Herrenmode. Als eleganten Tagesanzug bringt sie das Jackett, das mit Taillennaht, langem Schoß und großem Abstich einem Cutaway gleicht. Elegant sind auch die passenden Accessoires wie heller Zylinder, Spazierstock und helle Gamaschen. Die Tageshemden haben einen hohen, steifen Umlegekragen; nur ältere Herren bevorzugen noch den hohen Vatermörder. Für den Übergang ist die Redingote als kurzer Mantelrock geeignet. Sportmäntel sind prinzipiell gut wadenlang. Eine modisch kurze Mantelform ist der McFarlane, der anders als im 19. Jahrhundert sportlich gearbeitet ist. Die Damen- und Herrenmode ist überschattet durch Streiks der Weber sowohl in Deutschland als auch in Frankreich.