Trend zu klarer Gliederung

Trend zu klarer Gliederung
Park Güell, Barcelona wurde Antoni Gaudí in den Jahren 1900 bis 1914 gebaut. © Foto Josef Höckner, München

Architektur 1903:

Der auf den Bruch mit traditionellen Formen des Historismus ausgerichtete Jugendstil bestimmt seit etwa 1890 die moderne Kunstgewerbebewegung und Architektur. Während jedoch die 1900 einsetzende Massenherstellung von Gegenständen des Design bereits wieder von minderwertiger künstlerischer Qualität gekennzeichnet scheint, ist die Baukunst von gestalterischer Kraft geprägt.

Die europäischen Metropolen Paris, Brüssel, Prag, Budapest, Turin, Barcelona, München und Wien werden zu Zentren avantgardistischer Architektur. Ihre Vertreter lehnen das Imitat von Vergangenem ab, sie entdecken das florale Ornament. Es bildet mit der Fassadenoberfläche, den Fenstern, Balkonen, Gittern, Stützen etc. eine Einheit, wodurch der räumliche Eindruck des Grundrisses in den Hintergrund tritt. Geradezu ein Schwelgen im Ornamentalen kennzeichnen z. B. die Gebäude der Belgier Henry van de Velde (seit 1902 künstlerischer Berater am Weimarer Hof) und Victor Horta, des Franzosen Hector Guimard (Gestalter der dekorativen Metroeingänge in Paris) sowie des Österreichers Joseph Maria Olbrich. Olbrich lebt z. Z. in der 1899 gegründeten Künstlerkolonie in Darmstadt, wo ganz in der Idee des Jugendstils eine »ganzheitliche Synthese aus Kunst, Leben und Natur« entstehen soll.

Eine Symbolfigur der spanischen Erneuerungsbewegung ist Antoni Gaudí. Seinen internationalen Ruf erringt der Katalane durch bizarr und kühn anmutende Werke, in denen er traditionelle, naturhafte und überraschend fremde Elemente zu einem spielerisch wirkenden Ganzen verbindet. Er arbeitet u. a. seit vielen Jahren an der Kirche Sagrada Familia und seit 1900 an der Güell-Parkanlage.

Park Güell, Barcelona wurde Antoni Gaudí in den Jahren 1900 bis 1914 gebaut. © Foto Josef Höckner, München

Park Güell, Barcelona wurde Antoni Gaudí in den Jahren 1900 bis 1914 gebaut. © Foto Josef Höckner, München

Wien, das eine führende Position in der europäischen Moderne einnimmt, macht durch eine Tendenz zu klar gegliederten Formen auf sich aufmerksam. Seine Protagonisten Adolf Loos, Josef Hoffmann und vor allem Otto Wagner haben Abschied genommen von fließenden Linien und ausschweifenden Rundungen, um sich einer klassischeren Harmonie zuzuwenden. Es entstehen Bauten, die bereits als erste Beispiele des Rationalismus gelten, wie das Sanatorium Purkersdorf von Josef Hoffmann. Beeinflusst ist die neue Richtung auch durch die Arbeiten des Schotten Charles Rennie Mackintosh. Der Leiter der »Glasgower Gruppe« fand schon in den 90er Jahren zu seinem kubischen Stil. Seine Raumvorstellung ist bestimmt von Quadraten und Würfeln, die den Gebäuden einen burgenhaften Ausdruck verleihen. Eines seiner Hauptwerke, die Kunstschule in Glasgow, begann er 1896 (1909 fertiggestellt). 1903 entsteht das Hill House, Helensburgh.

Einflüsse des Jugendstils sind auch an Bauten in den USA spürbar. Die aufstrebende Industriestadt Chicago erregt Bewunderung nicht zuletzt durch ihre für Europa fremden »Wolkenkratzer«, die zum Symbol für den wirtschaftlichen Aufschwung der Neuen Welt werden. Als »Ingenieursbauten« waren sie meist rein funktionell ohne künstlerische Ambitionen errichtet worden. Architekten wie Louis Sullivan und Frank Lloyd Wright durchbrechen diese Tradition. Sullivan weist in seinem Aufsatz »Das große Bürogebäude, künstlerisch betrachtet« (1896) auf das Gesetz hin, dass die Form immer der Funktion folgen müsse. Daraus zieht er u. a. den Schluss, die beiden untersten Geschosse mit Geschäften, Banken, Eingang etc. anders zu gestalten als die oberen Büroetagen: Das gegenwärtig entstehende Warenhaus Carson, Pirie, Scott & Co. verfügt über reichen ornamentalen Schmuck aus Gusseisen an den unteren Fassaden.

Wright, ein Schüler Sullivans, bevorzugt geometrische Formen. Die Verbindung zum Jugendstil stellt sich bei ihm durch hohen Anspruch an Material und Handwerk sowie neue Anforderungen an den Raum her. Am bekanntesten sind Wrights vertikale »Präriehäuser«, bei denen Wohngebäude und Natur »zusammenwachsen«.