Vorsprung für die Schiene

Vorsprung für die Schiene
Siemens Drehstrom-Schnelltriebwagen (1903), Copyright "Siemens Pressebild" http://www.siemens.com CC BY-SA 3.0

Verkehr 1903:

Die Verbesserung des internationalen Verkehrsnetzes gewinnt angesichts wachsender Expansionsbestrebungen der Industriestaaten Europas und Nordamerikas immer mehr an Bedeutung.

Im Vordergrund steht hier neben dem Ausbau überseeischer Schifffahrtslinien und der Erschließung neuer Wasserwege – z. B. der Bau des Panamakanals – vor allem die Errichtung von Eisenbahnlinien in außereuropäischen Gebieten. Bereits 1902 konnte Russland die Transsibirische Eisenbahn und am 1. März 1903 die mandschurische Teilstrecke einweihen. Das Deutsche Reich wiederum sichert sich die Rechte für den Bau der Bagdadbahn. Etliche neue Linien entstehen zudem für den Transport innerhalb der Kolonien.

Von Bedeutung für den Schienenverkehr in Europa und in den USA ist weniger die Errichtung neuer Linien, denn das Streckennetz ist hier wesentlich dichter als in anderen Teilen der Erde. In Europa wuchs es seit 1870 von 104 454 km auf 283 254 im Jahr 1900, in den Vereinigten Staaten während des gleichen Zeitraums sogar von 85 151 km auf 311 287 km. In Asien dagegen existierten 1900 nur 60 725 km und in Afrika 18 467 km Schienenwege. In den Industrieländern arbeiten die Experten vor allem an der Modernisierung, wobei höhere Geschwindigkeiten und mehr Sicherheit die Hauptziele sind. Durch die Entwicklung elektrischer Hochleistungslokomotiven erhofft man sich künftig Reisegeschwindigkeiten von über 100 km/h. Weniger Risiken für die Passagiere sollen neue Signaltechniken und die Einführung elektrischer Zugbeleuchtung statt der gefährlichen Gaslampen bringen. Verkehrspolitiker interessiert aus Gründen der Auslastung auch die Frage, wie man das Eisenbahnfahren zum einen noch komfortabler in den oberen und zum anderen noch preiswerter in den unteren Klassen machen könnte. Luxuswagen sollen die Bahn für Wohlhabende attraktiver machen. Die Einführung der Rückfahrkarte mit 45-tägiger Gültigkeit, die Abschaffung der noch in Preußen und weiteren drei Bundesländern bestehenden 4. Klasse sowie die Angleichung der Preise für die 3. Klasse an dieses Niveau sollen Personen mit geringem Einkommen anlocken.

Im Vordergrund der Diskussion um bessere Verkehrsverbindungen innerhalb des Reiches steht weiterhin der Bau von künstlichen Wasserwegen für die ökonomisch günstige Binnenschifffahrt. Seit dem Scheitern der Kanalvorlage 1901 im preußischen Abgeordnetenhaus aufgrund des Widerspruchs durch den Bund der Landwirte fordern Vertreter der Industrie endlich grünes Licht für den geplanten Rhein-Weser-Elbe-Kanal, den sog. Mittellandkanal, und eine schnelle Fertigstellung des Teltowkanals bei Berlin. Neue Konzepte verlangt auch der stark zunehmende Nahverkehr. Für Großstädte wie Hamburg und Berlin entstehen Entwürfe für ein umfangreiches Vorortbahnennetz, das z. T. bereits fertiggestellt worden ist, und in Wuppertal wird eine weitere Strecke der Schwebebahn eingeweiht. Wie in den Metropolen London, Paris und New York setzt man hier wesentlich auf Elektrizität als Antriebskraft für U- und S-Bahnen sowie die Straßenbahn.