Elektronik und Offsetdruck

Wissenschaft und Technik 1904:

Die ständig wachsende Industrie einerseits und die zunehmende Elektrifizierung in Werkstätten, Büros, Haushaltungen und im Verkehr fordern die Bereitstellung immer größerer Energiemengen. Diesem Bedarf wird die Entwicklung neuer Kraftwerkskonzepte und Methoden der Energieumwandlung gerecht.

Ein völliges Novum ist das erste Erdwärmekraftwerk der Welt, das im italienischen Larderello in der Toskana in Betrieb genommen wird. Die mit geothermal überhitztem Dampf betriebenen Turbinen liefern zunächst mehrere Hundert Kilowatt elektrischer Leistung. Sie sind Pilotanlage für künftige Großkraftwerke, die später einmal den größten Teil der italienischen Staatsbahnen mit elektrischem Strom versorgen. In Kiew wird das erste Großdieselkraftwerk eingeweiht. Als Wärmeenergielieferant besonders für die Hüttenindustrie lässt sich in neuartigen, von Heinrich Koppers entwickelten gekammerten Öfen wirtschaftlich Koks gewinnen. Betrieben werden sie in Kokereien und auch in Gaswerken, da als Nebenprodukt der Kohleschwelung Heizgas anfällt.

Neue Stromverbraucher sind die von Daniel McFarlane Moore in den USA erfundenen Gasentladungsröhren. Moore knüpft an die bekannte Funktionsweise der elektrischen Lichtbogenlampe an. Neu ist, dass er sie bei Hochvakuum betreibt und dadurch »kaltes Licht« erzeugen kann. Diese Vorläufer der Leuchtstoffröhren zeichnen sich durch eine sehr hohe Lichtausbeute aus. Neu auf dem Gebiet der elektrischen Lichterzeugung ist auch die Quecksilberdampflampe des Deutschen Richard Kühn. Der in einem Kolben aus reinem Quarzglas eingeschlossene Quecksilberdampf strahlt neben sichtbarem Licht auch UV-Licht ab, das von normalem Glas weitgehend absorbiert würde. Die neue Lampe dient u. a. als »Höhensonne« medizinischen und kosmetischen Zwecken.

Auch die Elektronik macht Fortschritte. Am bemerkenswertesten sind zwei Gleichrichterröhren, die unabhängig voneinander der deutsche Physiker Arthur Rudolph Wehnelt und der Brite John Ambrose Fleming erfinden. Neu auf diesem Sektor ist auch das von Christian Hülsmeyer entwickelte Echolot.

Ähnlich der Gleichrichterröhre wird auch eine zweite Jahrhunderterfindung gleich zweimal gemacht: Der Deutsche Caspar Hermann und der Druckereibesitzer Ira W. Rubel aus Nutley in New Jersey entwickeln unabhängig voneinander den Offsetdruck. Während Rubel durch die Fehlbedienung einer Hochdruck-Rotationsmaschine das Flachdruckprinzip zufällig entdeckt und sodann technisch perfektioniert, entwickelt Hermann den Flachdruck folgerichtig aus dem seit 1796 bekannten Steindruck (Lithographie) von Alois Senefelder. Das Offsetverfahren wird später zum bedeutendsten Druckverfahren.

Technisch prinzipiell nicht neu, aber aufgrund ihrer kühnen Dimensionen erwähnenswert sind zahlreiche Großprojekte im Hoch- und Wasserbau. Stellvertretend für viele seien erwähnt der in internationaler Zusammenarbeit gebaute gigantische Getreidespeicher im Frachthafen Genuas, U-Bahn-Anlagen und bedeutende Talsperren.

Zwei ausgesprochene Grundlagenentdeckungen sind aus dem Gebiet der physikalischen Chemie zu melden: Die deutschen Wissenschaftler Hans Friedenthal und Eduard Salm finden einen genial einfachen Weg zur zuverlässigen Messung der Wasserstoffkonzentration (Säuregrad, später als pH-Wert bezeichnet) von Lösungen. Sie bestimmen diesen Wert erstmals mit Hilfe von Farbindikatoren, z. B. Lackmus. Und der deutsche Physiker Otto Lehmann veröffentlicht in Leipzig sein Werk über »flüssige Kristalle«, das die Ergebnisse 15-jähriger Forscherarbeit zusammenfasst. Es beschreibt jene Substanzen, die später zur Grundlage der Flüssigkristallanzeige (LCD) und Flüssigkristallbildschirme werden.