Monarchie contra gesellschaftliche Veränderung

Politik und Gesellschaft 1904:

Der imperiale Lack, in dem sich das Deutschland Kaiser Wilhelms II. präsentiert, ist an vielen Stellen brüchig. Dicht unter einer Oberfläche trügerischer Sicherheit verlaufen die Spannungslinien der vielfältigen politischen und gesellschaftlichen Probleme des deutschen Obrigkeitsstaates. So zerrütten die ständig steigenden Rüstungsausgaben den Reichshaushalt mehr und mehr. Auch eine sogenannte kleine Finanzreform, die der Reichstag am 9. Mai 1904 verabschiedet, ändert nichts daran.

Ausgeschlossen von der Teilhabe an der politischen Herrschaft bleibt weiterhin die Arbeiterschaft, obwohl die Arbeiterbewegung in den letzten Jahren erheblich an Stärke gewonnen hat. Im Reichstag stellen die Sozialdemokraten nach ihren Erfolgen bei den Wahlen 1903 die zweitstärkste Fraktion. Und so kann der Parteivorsitzende August Bebel in einer Reichstagsdebatte am 7. März 1904 mit Selbstbewusstsein verkünden: »Meine Herren, Sie können künftig keinen Krieg ohne uns schlagen. Wenn Sie siegen, siegen Sie mit uns und nicht gegen uns … .« In Preußen, dem größten deutschen Bundesstaat, versperrt nach wie vor das Dreiklassenwahlrecht den Sozialdemokraten den Zugang in das Parlament.

Ebenfalls ausgeschlossen von jeder politischen Betätigung bleiben immer noch die Frauen. Sie haben kein Wahlrecht, die Mitgliedschaft in politischen Parteien ist ihnen verwehrt. So bleibt das Stimmrecht die zentrale Forderung der internationalen Frauenbewegung. Sie demonstriert auf einem großen Kongress in Berlin, in dessen Verlauf am 4. Juni 1904 der »Weltbund für Frauenstimmrecht« gegründet wird, ihre Stärke.