Das Bündnis mit Österreich als letzter Ausweg des Kaisers

Politik und Gesellschaft 1905:

Während in Ostasien ein blutiger Krieg tobt und im Zarenreich Tausende von Juden als Sündenböcke für soziales Elend missbraucht werden und bei Pogromen sterben, droht auch im Herzen Europas erneutes Blutvergießen. Zum Schutz der deutschen Wirtschaftsinteressen in Marokko erhebt Deutschland gegen die geplante französische Schutzherrschaft Einspruch. Kaiser Wilhelm II. betont mit seiner Landung in Tanger am 31. März nachdrücklich die Souveränität des Sultans und die Gleichberechtigung aller Mächte im Lande. Erst als der französische Außenminister Théophile Delcassé, der – mit Rückendeckung Großbritanniens – einen Krieg gegen das Deutsche Reich nicht ausschließen will, am 6. Juni zurücktritt, ist der Weg frei für eine internationale Marokkokonferenz. Für das Deutsche Reich beginnt mit der Marokkokrise der Weg in die außenpolitische Isolation. Während Frankreich und Großbritannien, Frankreich und Russland sowie Großbritannien und Japan Bündnisverträge schließen, findet Berlin nur noch in Österreich einen verlässlichen Partner. Wilhelm II. versucht zwar, sich im Alleingang mit dem Vertrag von Björkö Russland anzunähern; die maßgebenden Politiker beider Seiten lassen seinen Vorstoß jedoch scheitern. So bleiben die Bündnisse bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs zementiert.