Ein Lehrer für 80 Schüler

Politik und Gesellschaft 1905:

Die Volksschulmisere ist das zentrale bildungspolitische Thema im Jahr 1905. Nach amtlichen Angaben sind allein in Preußen 1862 Lehrer- und Lehrerinnenstellen unbesetzt, 14 919 Schulklassen haben keine eigene Lehrkraft, und rund 50% aller Landlehrer unterrichten je 80 und mehr Kinder. Ähnlich sieht es in den anderen deutschen Staaten aus.

Kaum Förderung für Frauen

Gertrud Bäumer, Vorstandsmitglied des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins und führende Vertreterin der gemäßigten Richtung der bürgerlichen Frauenbewegung, fordert gleiche Chancen für Lehrerinnen und Lehrer und nennt die folgenden Zahlen:

»Der Hauptgrund, weshalb die Lehrerinnenbildung noch nicht zu so geordneten, gleichmäßigen Verhältnissen gekommen ist wie die Lehrerbildung, ist die verschwindend kleine Zahl von staatlichen und städtischen Anstalten … Es gibt in Preußen nur 12 staatliche Lehrerinnenseminare gegenüber 125 für Lehrer; der Staat gibt annähernd 4 Millionen im Jahr für die Lehrerbildung und noch nicht 400 000 Mark für die Lehrerinnen aus.«

Schulpolitiker klagen, dass für den Lehrberuf Ungeeignete nicht mehr abgewiesen werden könnten wie früher, sondern der Staat an Lehrkräften nehmen müsse, was sich bietet. »Der Wettbewerb der Nationen nicht nur um die äußeren Erfolge, sondern auch um die inneren Werte der Kultur wird in der Zukunft nicht weniger heftig sein als in der Gegenwart, und auch wir Deutsche haben alle Ursache, dafür zu sorgen, daß wir nicht zurückbleiben«, warnt in diesem Zusammenhang die Zeitschrift »Die Woche« und fordert eine Verbesserung der Lehrerausbildung sowie eine Erhöhung der Zahl an Lehrkräften. Einige Bildungspolitiker schlagen vor, das Schuleintrittsalter von derzeit sechs auf acht Jahre heraufzusetzen: Würde Preußen diese Änderung einführen, würde sich die Gesamtvolksschülerzahl im folgenden Jahr um 700 000 und im übernächsten Jahr um 1,7 Mio. verringern; außerdem seien Achtjährige »geistig und körperlich ein viel vollkommeneres Erziehungsobjekt« als Sechsjährige.

Der Mangel an Volksschullehrkräften ist eine Folge der sehr geringen Bezahlung, aber auch von Mesner- u. a. Sonderdiensten, die Volksschullehrer vor allem auf dem Lande ausüben müssen.

In Preußen ist daher die Diskussion über ein »Volksschulunterhaltungsgesetz« in vollem Gang. Dabei geht es nicht nur um eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte, sondern auch um die »geistliche Schulaufsicht« – die Aufsicht in Volksschulen nicht durch ausgebildete Pädagogen, sondern durch Geistliche – und um die »Simultanschulen«, d. h. Schulen, in denen Kinder verschiedener Konfessionen unterrichtet werden. Das Zentrum, die Partei des politischen Katholizismus, fordert uneingeschränkt die Beibehaltung der geistlichen Volksschulaufsicht: Zur Schulaufsicht gehöre gesunder Menschenverstand und Pflichttreue, also sei ein Geistlicher ebenso gut dazu befähigt wie ein Seminardirektor. Die Regierungsvorlage sucht einen Kompromiss: Sie hält an der Konfessionsschule fest, jedoch sollen bestehende Simultanschulen nicht beseitigt werden; die geistliche Volksschulaufsicht soll allerdings nicht durch eine »fachmännische« ersetzt werden.

Gegenüber der Volksschuldiskussion gerät die Tatsache, dass Frauen in Preußen, Sachsen, Thüringen u. a. deutschen Staaten noch nicht studieren dürfen, in den Hintergrund, obwohl Schlagzeilen wie »eine Frau als Hospitaldirektor« (in Japan) auch auf dem Ausbildungssektor für Aufsehen sorgen. Vier Jahre ist es her, dass sich die ersten deutschen Universitäten für Frauen öffneten: Freiburg im Breisgau und Heidelberg immatrikulieren seit dem Sommersemester 1901 regulär Studentinnen, 1903/04 folgte Bayern, 1904/05 Württemberg.

In Preußen sind Frauen zwar als Zuhörerinnen zugelassen, dürfen aber kein Examen machen.