Eisenbahn im Zwielicht

Verkehr 1905:

Die große Zahl der Eisenbahnunfälle ist das Thema, das die Öffentlichkeit im Jahr 1905 am meisten beschäftigt. Die Katastrophen um das meistgenutzte Verkehrsmittel lassen den Ruf nach einer völligen Umgestaltung des Sicherheitswesens auf der Schiene laut werden: Das Leben der Reisenden soll nicht mehr davon abhängig sein, ob ein vielleicht übermüdeter Beamter ein Signal übersieht oder nicht; verlangt wird eine weitgehende Automatisierung.

Davon ist die Eisenbahn jedoch weit entfernt. So gibt es nach Ansicht von Experten auf den eingleisigen Strecken – auf ihnen ereignen sich die meisten Unfälle – derzeit nur ein einziges System, das Stab- oder Knüttelsystem: Um eine bestimmte Strecke durchfahren zu können, muss der Lokomotivführer einen besonders gekennzeichneten Stab erhalten haben; da nur ein einziger solcher Stab je Streckenabschnitt existiert, sind Zusammenstöße ausgeschlossen. In den USA ist dieses Prinzip unter dem Namen »Staff-System« erprobt worden, doch führen Fachleute eine heftige Debatte über die Einführung des Systems im Deutschen Reich. Auf weniger befahrenen eingleisigen Strecken wird hier weiter auf umständliche Weise signalisiert, ob die Strecke frei oder belegt ist. Die Öffentlichkeit fordert daher den Ausbau der eingleisigen zu zweigleisigen Strecken, wo bessere Sicherungsmechanismen existieren.

Die Zahlen des Kaiserlich Statistischen Amtes liefern den Beleg dafür, dass der Eisenbahnbau trotz steigender Unfallzahlen energisch vorangetrieben wird. So ist die Länge der vollspurigen Staats- und Privatbahnen seit 1900 um 11,4% auf 54 680 km angewachsen, die Zahl der verunglückten Reisenden hat sich im selben Zeitraum um 22,6% erhöht. Von den 3731 Menschen, die 1905 bei Zugunfällen im Deutschen Reich verletzt werden, sterben 1117, das sind 31% mehr als noch vor drei Jahren; im selben Zeitraum ist die Zahl der beförderten Personen um 25,3% auf 1,1 Mio. gestiegen.

Die Eisenbahn ist zwar immer noch das dominierende Verkehrsmittel; in den von einem Benzinmotor angetriebenen Kraftwagen erwächst ihr jedoch langsam Konkurrenz. In Berlin und anderen Großstädten ersetzen Automobil-Omnibusse die Pferdebahnen. Die steigende Zahl der Automobile und die immer höheren Geschwindigkeiten werfen erhebliche Probleme auf. Die Zahl der Unfälle, vor allem mit tödlichem Ausgang, steigt rapide an. Die Staatsorgane versuchen durch entsprechende Gegenmaßnahmen die »Autoflut« in den Griff zu bekommen. Im Deutschen Reich sowie in Österreich-Ungarn wird die Einführung von Autokennzeichen diskutiert; im Jahre darauf werden sie in beiden Ländern Wirklichkeit.

Die durch steigende Rüstungsausgaben und die Kolonialkriege erheblich anwachsende Staatsverschuldung führt schließlich dazu, dass im Deutschen Reich die Einführung der Kraftfahrzeugsteuer in Erwägung gezogen wird.