Künstler sind Generalisten

Wohnen und Design 1905:

In der Formgebung des Jahres 1905 verwirklichen sich im Zeichen des Jugendstils eigenwillige Künstlerpersönlichkeiten. Veränderungen in der Gesellschaft nehmen auf Wohnen und Design keinerlei Einfluss.

Zu den fantasievollsten und angesehensten deutschen Innengestaltern und Architekten dieser Richtung zählt Bernhard Pankok. Wie viele Künstler strebt er in seinen Entwürfen das »Gesamtkunstwerk« an. Seine Ornamente sind bizarr, oft wild gezackt, die Innenausstattungen weisen fantastische Wandgliederungen auf und sind mit starken Farben dekoriert. Bei seinen Möbeln und Einrichtungen für Ausstellungen wie der diesjährigen Münchner Ausstellung für angewandte Kunst treten praktische Funktion und konstruktiver Zusammenhang hinter dem Streben nach einem persönlichen Kunstwerk zurück. Im Vergleich zu Arbeiten um die Jahrhundertwende ist seine Formensprache einfacher geworden, doch bleibt der Hang zu flächiger Ornamentik und lebhafter Variierung herkömmlicher, technisch bedingter Grundformen bei zunehmendem Interesse an Farbwirkungen. Die Ergebnisse dieser Wohn-Kunst sind nur für die Oberschicht erschwinglich. Sie tritt als Mäzen auf, indem sie großzügig Aufträge vergibt. So beginnt der Spanier Antoni Gaudí 1905 mit der Errichtung und Ausgestaltung der Casa Batlló für den katalanischen Stofffabrikanten Joseph Batlló y Casanovas in Barcelona. Aber auch Josef Hoffmann und Koloman Moser müssen sich mit ihrer Wiener Werkstätte keinerlei finanzielle Beschränkungen bei der Errichtung des Brüsseler Palais Stoclet auferlegen, dessen Bau 1905 beginnt: Die Leistungen des österreichischen Kunsthandwerks verschmelzen dort zu einem einzigartigen »Gesamtkunstwerk«.

1905 erscheint in hervorragender grafischer Gestaltung der erste Katalog der Wiener Werkstätte mit dem wahrscheinlich von Hoffmann und Moser gemeinsam verfassten Arbeitsprogramm dieser Werkstättengemeinschaft von Künstlern und Handwerkern: Als Hauptziel wird die künstlerische Durchdringung aller Lebensbereiche propagiert. Nach dem Austritt der sog. Klimt-Gruppe aus der Wiener Secession 1905 – auch Hoffmanns und Mosers – wird die Wiener Werkstätte eine der wichtigsten Institutionen zur Durchsetzung der neuen Ziele im Kunsthandwerk. Die hervorragende handwerkliche Qualität des ständig wachsenden Unternehmens verschaffen der Wiener Werkstätte innerhalb kurzer Zeit Weltgeltung. Sonderausstellungen sind einzelnen Aufgabenbereichen gewidmet, so die Ausstellung von Bucheinbänden und Vorsatzpapieren im Jahr 1905.

Hoffmanns und Mosers Sitzmöbel, die in diesem Jahr für Aufsehen sorgen, signalisieren eine Hinwendung zu rationeller Formgebung. So greift Josef Hoffmann beim Entwurf eines Lehnsessels auf Elemente von Jugendstil, Ästhetizismus und Rationalismus zurück. Der sog. Moser-Sessel wiederum gilt mit seiner Konstruktion als eines der markantesten Möbel der neuen Bugholzgeneration bis 1910: Vorderbeine und Armlehne werden in einem Stück als Rückenlehne herumgeführt; die Stuhlbeine werden unten durch eine hufeisenförmige Kufe gehalten; die Hinterbeine sind leicht ausgestellt, die Vorderbeine geringfügig nach innen gezogen. Moser erhebt wie viele Künstler dieser Zeit für sich den Anspruch, sich nicht auf ein Gebiet spezialisieren zu wollen, sondern durch eine vielseitige Tätigkeit hervorzutreten. So ist Moser, der Mitbegründer der Wiener Werkstätte, gleichzeitig Buch- und Plakatgestalter; er entwirft Möbel, Schmuck, Metallgerät, Ledersachen, Spielzeug und Glas; er ist ferner an der Ausgestaltung von Ausstellungen und Bühnenausstattungen beteiligt.