Massen stürmen die Berge

Urlaub und Freizeit 1905:

Zu den auffälligsten Modeerscheinungen im Freizeitverhalten zählt 1905 der sog. Alpinismus oder »Bergsport«, der zu einer Massenbewegung angewachsen ist: Ungeachtet des dramatischen Anstiegs von Unfällen streben Angehörige aller sozialen Schichten in einem nie erlebten Ausmaß hinauf in die »unberührte« Bergwelt.

Die Organisation, die die Interessen wohlhabender Bürger bei dieser Art der Erholung wahrnimmt, ist der 1873 gegründete Deutsche und Österreichische Alpenverein (DÖAV). Ziel des DÖAV ist die touristische Erschließung der Alpen. Die nicht beabsichtigte Folge ist der Beginn der Zerstörung einer unberührten Berglandschaft: Es werden nicht mehr nur Wege angelegt und Steige markiert oder einfache Schutzhütten errichtet. Wegen des Massenansturms müssen auch viele der bereits bestehenden Schutzhütten erweitert werden – angepasst den Bedürfnissen einer Klientel, die zu Hause von Komfort umgeben ist und auch auf einer Berg-»Hütte« nicht auf Annehmlichkeiten verzichten will. Eine Meldung in der Leipziger »Illustrirten Zeitung« vom 8. Juni verdeutlicht diese Tendenz: »An die Vorderseite der vor drei Jahren erbauten Eichert-Hütte … auf der Hohen Wand soll ein schmucker Vorbau mit einem 60 Personen fassenden Saal angebracht werden. Im ersten Stockwerk werden Wohnräume mit 14 Betten, drei Schlafräume mit je drei und ein Gesellschaftsraum mit fünf Betten eingerichtet. Das bisherige gemeinsame Freilager mit sechs Matratzen bleibt für Notfälle erhalten.«

Dass sich der Alpinismus als Breitenbewegung nicht nur auf die wohlhabenden Schichten beschränkt, ist auch ein Verdienst des Wiener Arbeitertouristenvereins »Die Naturfreunde«, zu deren Gründungsmitgliedern der spätere österreichische Regierungschef Karl Renner (SPÖ) zählt. Der Verein feiert 1905 sein zehnjähriges Bestehen und wird in diesem Jahr nach Ortsgruppengründungen im Deutschen Reich und der Schweiz zur überstaatlichen Organisation wie der DÖAV. Der Mitgliederzustrom bewirkt, dass die »Naturfreunde« 1905 beschließen, ihre erste »Schutzhütte« in den Alpen zu errichten. Es handelt sich um einen massiven Steinbau für 60 Personen auf dem Padaster-Joch in den Stubaier Alpen: »Die Mittel sollen durch Ausgabe von Anteilscheinen zu je 5 Kronen und durch Bausteine zu je 10 Heller beschafft werden«, meldet eine norddeutsche Zeitung unter der Rubrik »Alpines«. Die Bergbegeisterung beschränkt sich jedoch längst nicht auf die Alpen. Neben der Tatra wird die Bergwelt Skandinaviens entdeckt. So verrät die »Leipziger Illustrirte« den Lesern unter der Überschrift »Aus der arktischen Alpenwelt«: »Ein neues Ziel ist der Bergsteigerwelt gesteckt worden, seit im Sommer 1903 der erste Lappland-Express die Halle des Stockholmer Zentralbahnhofs verließ. Im Hochgebirge Lapplands harren der kühnen Kletterer noch zahllose unbezwungene Spitzen, und manches Ruhmesblatt wird der Alpinist mit heimwärts bringen, wenn er sich zu einer Reise in jene fernen Gegenden nördlich des Polarkreises entschlossen hat.« Das Blatt, in dem diese Zeilen zu lesen sind, ist keine Alpenfachzeitschrift, sondern eine bürgerliche »Illustrirte«; wenn es von »kühnen Kletterern« spricht, so meint es nicht »Extreme« wie Karl Blodig, der zurzeit alle Viertausender der Alpen ersteigt (1906 »erledigt« er mit dem Mont Brouillard im Montblanc-Massiv den 66. und letzten). Angesprochen sind wohlhabende Familienväter, die seit der Entdeckung der Bergwelt dem Zug der Zeit folgen wollen.

Während DÖAV und Naturfreunde dem Drang breiter Massen entgegenkommen, ohne die gesellschaftlichen Strukturen infrage zu stellen, proben Schüler den »Ausstieg«: Auf Militarismus, auf Drill und Kadavergehorsam, auf das hohle Pathos der wilhelminischen Gesellschaft reagieren die »Wandervögel« mit einer als »unbürgerlich« verstandenen Flucht in die Natur.