Preise steigen – Reiche schlemmen

Ernährung, Essen und Trinken 1905:

Das meistdiskutierte Thema im Bereich Essen und Trinken ist die Fleischteuerung. Sie setzt im Juni/ Juli in den größeren Städten mit Preissprüngen von bis zu 30 und 40% ein. Auf zahlreichen Versammlungen wird die deutsche Reichsregierung aufgefordert, zur Linderung der Fleischnot die Grenzen für die Einfuhr ausländischen Schlachtviehs zu öffnen. Die Regierung weist diese Forderung der Liberalen und Sozialdemokraten sowie des Deutschen Städtetags ebenso zurück wie den Vorwurf, die Teuerung sei auf die neuen Handelsverträge und die staatliche Schutzzollpolitik zurückzuführen. Der einzige Grund für die Teuerung sei die schlechte Futterernte von 1904.

Während das Fleisch teurer wird, bleiben die Preise für Getreide und Mehl weitgehend stabil. Ein Überangebot herrscht auf dem Früchtemarkt, wo immer mehr Exotica auftauchen, die vor kurzer Zeit noch unbekannt oder nur zu unerschwinglichen Preisen zu haben waren: Apfelsinen und Mispeln aus Italien, Feigen aus Syrien, Datteln, Erdnüsse aus Kamerun werden angeboten. Was in früheren Zeiten nur dem Hochadel vorbehalten schien, kann sich jetzt der Mittelstand leisten. »Und wenn in Kaiser Karls Reich die Sonne auch nicht unterging, für all sein Gold und trotz seiner Armada konnte er in Madrid keine frische Banane haben, die sich jetzt ein Kind in der Ackerstraße kauft, wenn es einen Nickel dazu hat«, urteilt »Die Woche« (Nr. 4/1905). Trotz der neuartigen Gewürze, die aus den Kolonien auf den Markt kommen, gilt es in der feinen Küche des Jahres 1905 als unschicklich, zu »überwürzen«. Scharfe Saucen sind vom gutbürgerlichen Speiseplan verbannt. Dafür kommt ein neues Gewürz in Mode, dem eine »aromatische, leicht zu regulierende Schärfe« nachgesagt wird: »Indischer Currypowder«, der in Großbritannien schon länger beliebt ist, bürgert sich mehr und mehr in den Haushalten des Kontinents ein.

Das reiche Bürgertum, das sich anders als viele Arbeiter auch Fleisch leisten kann, beschäftigt sich 1905 zudem intensiv mit Tischmanieren. So berichtet die gutbürgerliche Zeitschrift »Die Woche« von einem neuen Bestecktrend und rät der Hausfrau: »In letzter Zeit ist es mehr Sitte geworden, Torten und weiche Süßspeisen mit der Gabel statt mit dem sogenannten Dessertlöffel zu essen. Etliche benutzen die Gabel auch beim Kompott und verzichten dann auf manchen erfrischenden Saft eingemachter Früchte und dergleichen. Wer im unklaren ist, legt seinen Gästen beides hin, Gabel wie Löffelchen.«