Schnellzüge und Turbinen

Wissenschaft und Technik 1905:

Eine bedeutende technische Innovation ist für das Jahr 1905 nicht zu vermelden; dafür ist eine gewisse Technikeuphorie kennzeichnend. Furcht vor weltverändernden neuen Techniken gibt es nicht. Die Ingenieure setzen auf die Anwendung und Verbesserung bereits gemachter Erfindungen und die Maßstabsvergrößerung des Bekannten und Bewährten. Das bedeutet wirtschaftliches Wachstum und Verbesserung des allgemeinen Lebensstandards. So beeinflussen auch 1905 vorwiegend wirtschaftliche und z. T. sogar utopische Komponenten das technisch-naturwissenschaftliche Denken. Nur gleichsam am Rande bahnen sich wirklich weltbewegende neue Einsichten an, die die Fachleute nur zögernd, die Allgemeinheit überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen: Einsteins Formulierung der speziellen Relativitätstheorie und seine Enträtselung des »Fotoeffekts«. Die wichtigsten Leistungen – Innovationen können sie kaum genannt werden – betreffen das Verkehrswesen. »Größer, stärker, schneller« heißt hier die Devise. In mehreren europäischen Staaten werden neue Schnellzuglokomotiven gebaut, die mit ihren kegelförmigen Kesselfronten und aerodynamischen Verkleidungsblechen so etwas wie eine stromlinienförmige Erscheinung erkennen lassen. Wegbereiter sind u. a. die französische Eisenbahngesellschaft Chemin de Fer Paris – Lyon – Mediterranee sowie die deutschen Lokomotivenbauunternehmen Henschel & Sohn in Kassel und J. A. Maffei in München.

Berlin bereitet sich auf das Zeitalter des motorisierten Straßenverkehrs vor: Ab November verkehren in der Reichshauptstadt die ersten öffentlichen Autobusse. Von Villingen, wo die Firma C. Werner den ersten Fahrpreisanzeiger für Droschken, das Taxameter »T 1« vorstellt, geht die weitere Durchorganisation des Taxiverkehrs im Deutschen Reich aus.

In der Hochseeschifffahrt setzt sich mit dem technisch mustergültigen 19 566 BRT großen Cunard-Liner »Carmania« endgültig der Turbinenantrieb durch.

Eine neuartige Turbine für stationären Betrieb wird in Frankreich entwickelt, wo die Ingenieure Marcel Armengaud und Charles Lemale eine erste wirtschaftlich arbeitende Gasturbine entwickeln und bauen.

Einen Fortschritt für die Navigation auf dem Meer stellt der von dem deutschen Ingenieur Hermann Anschütz-Kaempfe erfundene und in einer von ihm in Kiel gegründeten Firma gefertigte Kreiselkompass dar; das Gerät zeigt auch bei starken Eigenbewegungen des Schiffes zuverlässig die Himmelsrichtung an.

Die Luftfahrt schließlich kann sich eines neuen Weltrekords für unbemannte Ballons rühmen: Dem Oberrheinischen Verein für Luftschifffahrt in Straßburg gelingt es, einen Registrierballon für wissenschaftliche Messaufgaben 25 800 m hoch bis in die Stratosphäre aufsteigen zu lassen. Der Ballon verbessert damit den Rekord aus dem Jahr 1894 um 7350 m.