Stahlbau und Industriestadt

Architektur 1905:

Zu den meistbeachteten Bauten des Jahres zählt das Kaufhaus »La Samaritaine« von Frantz Jourdain in Paris. Das im Jugendstil errichtete Bauwerk ist zugleich das letzte bedeutende Beispiel eines vollständig in Glas und Stahl errichteten Warenhauses. Die Warenhäuser in den USA folgen französischen Vorbildern mit ihren Rastersystemen, werden jedoch schon als Hochhäuser in Stahlkonstruktion angelegt (Marshall Field & Co. in Chicago). In Deutschland orientiert sich der Warenhausbau an den erstmals von Alfred Messel beim Warenhaus Wertheim in Berlin (1895 – 1897) realisierten, senkrecht durchgehenden Glasflächen zwischen kräftigen steinverkleideten Stahlstützen. Brandkatastrophen und die deshalb im Unterschied zu Frankreich in Deutschland frühzeitig erlassenen baupolizeilichen Vorschriften verlangen eine Ummantelung der Stahlkonstruktion, sodass diese nie unmittelbar ästhetisch wirksam werden kann (Warenhaus Tietz in München von Heilmann & Littmann, 1905). Zu den Pionieren des Stahlbetonbaus zählt der französische Architekt Auguste Perret, der 1905 mit seinem Bruder Gustave die Firma »Perret Freres« gründet und die neue Materialkombination zu einer eigenständigen Architekturform entwickelt. Bereits sein 1904 vollendetes Haus Nr. 25 in der Rue Franklin in Paris, das einer der ersten Betonskelettbauten ist, weist die Merkmale auf, die für das Schaffen Perrets charakteristisch sind und die er bei der Garage in der Rue de Ponthieu 1905 noch konsequenter umsetzt: Hohe Wirtschaftlichkeit bei der Bauausführung und der Nutzung des Gebäudes; systematische Anwendung der Pfeiler- und Balkenkonstruktion aus Stahlbeton; offen gezeigtes Stahlbetonskelett; plattenartige Ausfachung des Skeletts vornehmlich mit großen Fensterflächen, die aufgrund geschickter Grundrisslösung allen Innenräumen Tageslicht geben. Jugendstilelemente werden dabei kaum noch verwendet. Ein Signal zu einer völligen Neuorientierung in der Stadtarchitektur kommt 1905 aus Lyon: Unter ihrem Oberbürgermeister Edouard Herriot wird in der Industriestadt an der Rhone der 36-jährige Tony Garnier zum Stadtarchitekten berufen. Garnier, der ebenso wie Perret zu den Pionieren des Eisenbetonbaus zählt, will in dieser Stellung sein Projekt von einer »Cité industrielle« realisieren, einer Industriestadt mit einzelnen Wohnvierteln, in denen jeweils höchstens 35 000 Menschen wohnen. Wohnen, Arbeiten, Erholung, Bildung und Verkehr sollen klar getrennt werden. Jedes Wohnviertel ist längs einer Hauptstraße und der sie begleitenden Parallelstraßen in gleich große Parzellen eingeteilt; diese dürfen nur zur Hälfte überbaut werden, sodass zusammenhängende Grünflächen (Erholung) mit Fußwegen zwischen den Fahrwegen zur Verfügung stehen. Zu den Wegbereitern des Neuen Bauens in Finnland zählt Eliel Saarinen mit seinem wegweisenden Entwurf für das Bahnhofsgebäude in Helsingfors (Helsinki). Unter dem Einfluss des niederländischen Architekten Hendrik Petrus Berlage gruppiert er die funktional projektierten Raumvolumina zu einem monumentalen Ganzen. Ergebnis ist ein Zweckbau, der zu den bedeutendsten Beispielen dieser Art vor dem Ersten Weltkrieg gilt.