Unfälle, Alkohol, Fahrerflucht

Auto und Verkehr 1905:

Was die Menschen im Jahr 1905 bewegt, sind nicht etwa die neuen Modelle: Zwar schreitet die technische Entwicklung auch auf dem Automobilsektor mit Riesenschritten voran, das Spitzenmodell des Jahres oder die Neuerung, auf die das finanzkräftige Publikum gewartet hat, gibt es jedoch nicht. Was die Menschen vielmehr beschäftigt, ist das Verhalten gegenüber diesem neuen Fortbewegungsmittel, das sich nur Wohlhabende leisten können, das aber in ständig wachsender Zahl über die Straßen rollt. Eine offizielle Statistik über die Zahl der Automobile auf Deutschlands Straßen fehlt, da noch keine Kfz-Steuer erhoben wird. Dass jedoch beispielsweise Daimler die Motorwagenproduktion seit 1900 um knapp 800% auf 863 Wagen im Jahr 1905 gesteigert hat, verdeutlicht diese Tendenz. Aber auch andere Firmen stellen sich auf diesen Markt mit seinem offensichtlich ungebremsten Wachstum ein: In Rüsselsheim wird die neue Motorwagen-Fertigungsfabrik der Firma Opel eingeweiht. 358 Wagen werden hier in diesem Jahr gebaut – in individueller Produktion von Hand. Der Unsicherheit, mit der große Teile der Öffentlichkeit wegen der drastischen Unfallzahlen auf den Automobilverkehr reagieren, begegnet Wilhelm II. mit kaiserlichem Beispiel: Er lässt seinen »Leibchauffeur« schwören, keinerlei Alkohol zu trinken. Dieser Eid des kaiserlichen Leibchauffeurs wird zum Tagesthema im gesamten Deutschen Reich. Er zeigt das Dilemma des neuen Fortbewegungsmittels: Es fehlen noch gesetzliche Vorschriften, um die wenigen, die sich den Luxus eines eigenen Automobils leisten können, zu angemessenem Fahrverhalten zwingen zu können. Die Führerscheinprüfung ist noch nicht eingeführt. Es gibt auch kaum Geschwindigkeitsbegrenzungen; das Gleiche gilt für die Verkehrsregeln. Alkohol am Steuer ist keine Ausnahme und auch nicht verboten. Jede Provinz hat eigene Verordnungen, die von

denen anderer Provinzen zumeist erheblich abweichen. Das Chaos, das dabei auf den Straßen entsteht, trägt dazu bei, dass die Zahl der entschiedenen Automobilgegner rapide wächst. Die Befürworter wiederum fordern ein allgemeines Automobilgesetz für das Deutsche Reich.

»Wieder ein Automobilunfall« – so lautet eine der häufigsten Überschriften in der Tagespresse. Die Schilderungen des »Tathergangs« sind in der Regel so gehalten, dass sich das Publikum gegen die »Autler« empört.

Die Schaffung eines allgemeinen Automobilgesetzes erscheint Befürwortern des Automobils umso dringlicher, als sie andernfalls eine noch wachsende Missstimmung der nicht motorisierten Bevölkerung oder gar »Schweizer Verhältnisse« befürchten: In Graubünden besteht ein totales Automobilverbot. In anderen Gebieten der Schweiz werden Kraftwagenführer, die zu schnell gefahren sind, von Gendarmen angehalten und dürfen ihre Fahrt nicht eher fortsetzen, bis sie eine Strafe von umgerechnet 20 Mark oder mehr bezahlt haben. Kann der Raser nicht an Ort und Stelle festgehalten werden, so wird die Polizei im nächsten Ort verständigt, die dann die Straße mit einer Stange sperrt. Die Automobilunternehmen konzentrieren sich unterdessen auf eine Verbesserung ihrer Wagen. Eine Steigerung der Motorleistung, eine Optimierung der Kraftübertragung und erhöhter Komfort für die Passagiere stehen im Mittelpunkt der Bemühungen. Darüber hinaus erkennen Produzenten und Behörden die Einsatzmöglichkeiten des Automobils als Nutzfahrzeug im Transportwesen, bei der Feuerwehr und der Polizei.