Unruhen bei Streiks weltweit

Arbeit und Soziales 1905:

Das durchschnittliche jährliche Arbeitseinkommen von Arbeitern in Industrie und Handwerk steigt 1905 im Deutschen Reich um 2,9% auf 928 Mark; dies ist ein höherer Wert als im Vorjahr, als die Verdienste nur um durchschnittlich 2,6% gestiegen waren. Ähnlich positiv sieht die Entwicklung mit Ausnahme von Großbritannien auch in anderen Industriestaaten aus. Dies zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt. In den USA z. B. fällt die Arbeitslosenquote der zivilen Erwerbspersonen über 14 Jahre von 5,4% im Vorjahr auf 4,3%. Diese Tendenz setzt sich fort: 1906 wird die bisherige Rekordmarke von 1,7% erreicht.

In krassem Gegensatz zu diesen Zahlen steht, dass 1905 ein Jahr mit den meisten Streiktagen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist. Nicht nur das von revolutionären Unruhen erschütterte Zarenreich, sondern fast alle Industriestaaten sind von Streiks und Zusammenstößen betroffen, wobei die Auseinandersetzungen teilweise bürgerkriegsähnlichen Charakter haben. Dabei stehen weniger Lohnforderungen im Vordergrund als die Einführung des Achtstundentags, soziale Verbesserungen sowie die Durchsetzung demokratischer Rechte: Der Einfluss der Ereignisse in Russland ist deutlich spürbar.

Während der große Ruhrbergarbeiterstreik im Deutschen Reich ohne blutige Zwischenfälle endet , setzt die französische Regierung von Anfang an Militär ein, als ab Mitte April eine Streikwelle das Land überrollt. Im Juni bricht in Longwy, dem Zentrum des nördlichen lothringischen Eisenerzbeckens, ein Generalstreik aus, der mehrere Monate andauert und von französischen und italienischen wie auch belgischen Stahl- und Eisenarbeitern getragen wird. Im November entwickelt sich eine Streikbewegung in den französischen Häfen Brest, Cherbourg, Toulon und Rochefort. Außer dem Achtstundentag fordern die Arbeiter vor allem Rede- und Versammlungsfreiheit.

Der eintägige politische Massenstreik in Ungarn am 15. September ist der erste in der Geschichte der ungarischen Arbeiterbewegung. Mit ihm einher gehen Straßendemonstrationen, an denen sich Zehntausende beteiligen. Sie verlangen – wie in anderen europäischen Ländern auch – die Einführung des allgemeinen Wahlrechts und die Schaffung demokratischer Verhältnisse.

Während deutsche Unternehmer mit dem Einsatz von bezahlten Streikbrecherkolonnen erst zu experimentieren beginnen, gibt es in den USA bereits ganze Armeen von Streikbrechern; vielfach rekrutieren sie sich aus Schwarzen. So kommt es im Juni 1905 zu den blutigsten durch Streiks ausgelösten Unruhen in der Geschichte der USA, als Schwarze aus Memphis, Cincinnati und St. Louis nach Chicago gebracht werden, um den Streik der Transportarbeiter zu brechen.