Aufstände werden von den Kolonialherren vorerst niedergeschlagen

Politik und Gesellschaft 1906:

Zu diesen »Feinden« zählen auch die Eingeborenen in den Kolonien. Der Hottentotten-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika dauert das ganze Jahr über an. Auch in Deutsch-Ostafrika kommt es zu schweren Kämpfen zwischen »Schutztruppen« und Einheimischen. In der britischen Kolonie Natal tobt ein Kaffernaufstand. In Korea, das 1905 mit Japan einen »Schutzvertrag« unterzeichnen musste, brechen im Mai antijapanische Aufstände aus. Im Juni verstärkt Großbritannien seine Truppen in Ägypten wegen der Radikalisierung der ägyptischen Unabhängigkeitsbewegung. Die USA setzen nach einem Volksaufstand auf Kuba die Regierung in Havanna ab und unterstellen das Land einem US-amerikanischen Generalgouverneur. Gleichzeitig schlagen US-Truppen einen Aufstand auf den Philippinen blutig nieder. Der Hottentotten-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika führt am 13. Dezember zur Auflösung des Deutschen Reichstags, da Zentrum und SPD die von der Regierung geforderten Gelder für die Fortsetzung des Kolonialkriegs nicht in voller Höhe bewilligen wollen. Bei dieser Reichstagsauflösung zeigt sich das Demokratieverständnis unter Wilhelm II.: Fügen sich die Abgeordneten nicht dem Willen der Obrigkeit, so werden sie nach Hause geschickt. Das Deutsche Reich unterscheidet sich darin nicht von Russland: Da im ersten gewählten Parlament des Zarenreiches die Opposition die Mehrheit erringt, lässt Nikolaus II. die Duma nach wenigen Wochen wieder auflösen. Anders als im Deutschen Reich tobt jedoch in Russland eine Revolution, bei der Tausende von Menschen sterben. Die nach Demokratie und einer Verfassung nach westeuropäischem Muster verlangende revolutionäre Bewegung wird blutig zerschlagen, strahlt aber auf andere Länder aus: Der Schah von Persien erlässt nach revolutionären Unruhen eine Verfassung. In Finnland wird das mittelalterliche Vierständeparlament durch einen nach allgemeinem und gleichem Wahlrecht zu bestimmenden Landtag ersetzt; erstmals erhalten dabei Frauen auf nationaler Ebene aktives und passives Wahlrecht. Auch im Reich der Mitte wird unter dem Eindruck der russischen Ereignisse der Ruf nach einer Verfassung laut. Peking reagiert mit der Ankündigung, der Kaiser werde eine Konstitution erlassen, sobald das Volk »reif« sei. Zu den vom »republikanischen Umsturzgeist verseuchten« Monarchien zählen auch Portugal und Spanien.

In Frankreich versucht die republikanische Regierung, antirepublikanischen Kräften den Boden zu entziehen. Ihr »Kulturkampf« richtet sich gegen die römisch-katholische Kirche als Trägerin der »Reaktion«. Staat und Kirche werden in Frankreich getrennt.