Dame der Gesellschaft bleibt S-förmig

Dame der Gesellschaft bleibt S-förmig
Les Modes 1906, Photograph in Les Modes : Revue mensuelle illustrée des arts décoratifs appliqués à la femme. Léopold-Émile Reutlinger [Public domain], via Wikimedia Commons

Mode 1906:

Les Modes 1906, Photograph in Les Modes : Revue mensuelle illustrée des arts décoratifs appliqués à la femme. Léopold-Émile Reutlinger [Public domain], via Wikimedia Commons

Les Modes 1906, Photograph in Les Modes : Revue mensuelle illustrée des arts décoratifs appliqués à la femme. Léopold-Émile Reutlinger [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Mode der adeligen Damen sowie der Großbürgerinnen steht im krassen Gegensatz zur Mode des sog. Reformkleides, das in intellektuellen Frauenkreisen getragen wird. Die Damen der Gesellschaft kleiden sich ausschließlich nach der Mode des »Sans ventre« (frz. »ohne Bauch«). Diese Modelinie beruht auf dem gleichnamigen Korsett, das den Bauch vollkommen verschwinden lässt, dafür aber die Brust nach vorn und das Gesäß nach rückwärts drückt. Damit entsteht eine unnatürliche S-förmige Körperhaltung. Der repräsentative Charakter dieser Mode wird durch einen hohen, oft durch Fischbeinstäbe versteiften Stehkragen, durch schmale, lange Ärmel und den am Boden ringsum aufliegenden Saum unterstrichen. Besonders wichtig ist es für eine Dame der Gesellschaft, zu jeder Gelegenheit passend angezogen zu sein. Vormittags oder zum Lunch erscheint sie im Kostüm.

Zum Fünfuhrtee ist ein elegantes Kleid mit Schleppe vorgeschrieben, denn nachmittags ist fußfrei streng verpönt. Dabei sind Prinzessroben beliebt, die der Figur eng angearbeitet sind, keine Taillennaht haben und sehr damenhaft wirken. Die Kleider sind häufig mit einem Dekolleté gearbeitet, das aber stets von einer kostbaren Spitze unterlegt ist, die auch den Stehkragen bildet. Bei Sommerkleidern mit dreiviertellangen Ärmeln wird darauf geachtet, dass lange Handschuhe vollkommen die Arme bedecken.

Zum Korso am späten Nachmittag sind Hut und Sonnenschirm wichtig, da das Kleid in der Equipage weniger auffällt.

Die Krönung an Eleganz wird jedoch abends im Theater oder zum Souper in den Restaurants geboten: »Die Kleider sind meist aus Seide, Seidenvoile, Chiffon, der in schwarz-weiß gestreift, mit Spitze inkrustiert, viel zu sehen ist, oder aus den kostbarsten Leinen- und Mullstickereien und irischen Spitzen zusammengesetzt; selbst viele vollständige Spitzenkleider sind zu bewundern.« Besonders aufwendig sind die neuen Abendblusen, wie zum Beispiel aus Chinépompadourseide mit Valenciennespitzen, Tüllärmeln und Tülleinsatz, aus gemustertem Libertyatlas mit Spachtelmotiven, aus champagnerfarbenem Louisine mit weißer Guipure und Entredeux mit Hohlsäumen, oder auch eine weiße Wollbluse mit Hohlsäumen aus Kunstseide mit Madeirastickerei.

Der Modeschnitt – auch bei Mänteln – ist dem Empire verbunden, das aber keineswegs ohne Korsett auskommt.

Wichtigstes Accessoire sind die Hüte, die weder beim Essen in Gesellschaft noch im Theater abgenommen werden. »Aber es verlohnt sich auch, in diesen Hüten zu lunchen«, meint das »Blatt der Hausfrau«. Und Elsa Herzog berichtet von den neuen Frühjahrshüten: »Seitdem die Rivierareisen modern geworden sind, bringen uns die Schaufenster unserer Großstädte bereits im Januar die ersten Rivieramodellhüte, denen im Februar die für den nordischen Frühling bestimmten folgen. In diesem Jahre haben die großen französischen Modistinnen wie Caroline Reboux, Georgette, Camille Roger, Lewis, Germaine und wie sie alle heißen, kuriose Hütchen kreiert.« Die Hutkrempen sind asymmetrisch hochgezogen und darunter mit Schleifen garniert. Diese schrägen Hütchen sitzen häufig auf einem Bügel.

Die bürgerliche Dame trägt untertags ein Kostüm oder ein einfaches Schneiderkleid. Die Kostüme haben entweder ein taillenkurzes Bolerojäckchen, Sammetweste und Miederrock, damit die Taille nicht frei bleibt, oder eine lange Paletotjacke. Der Rock ist in Bahnen oder mit breiten Quetschfalten, um ihm eine bequeme Weite zu geben. Häufig ist er durch abgesteppte Passen oder Sammetblenden verziert. Daneben gibt es das fußfreie Eislaufkostüm für junge Damen.

Die Reformmode, die schon seit der Jahrhundertwende von Frauenrechtlerinnen, Medizinern, in Künstlerkreisen und von weiblichen Gesundheitsaposteln propagiert wird, hat nach wie vor Anhängerinnen. Die Kleider weisen eine gerade Hängerform auf und werden ohne Korsett darunter, nur mit Leibchen und Hüftgürtel getragen. Sie haben durch die Pariser Empire-Mode (die allerdings mit Korsett getragen wird) sogar einen Aufschwung genommen.

Die Prestigemode des »Sans ventre« mit der funktionellen Reformmode zu verbinden, ist das Anliegen des jungen Grand Couturiers Paul Poiret. Seine Roben sind den Chemisen des Empire angenähert, aber seine Stoffe sind in leuchtenden, expressiven Farben gehalten, inspiriert durch die Malergruppe der »Fauves«. Und Poiret verbannt darunter das Korsett und lässt ebenfalls nur Hüftgürtel und Leibchen gelten. Doch nur wenige Modemutige wagen seine Kreationen zu tragen. Die meisten schätzen die Roben der konservativen Couturiers, wie jene des Hauses Worth, jene von Christoph Drecoll, Callot Sœurs, H. C. Dœuillet, Jacques Doucet oder Madame Paquin.

Auch die Badekleidung findet nunmehr in den Modezeitschriften Beachtung: »Das Bestreben, im Wasser ebenso hübsch auszusehen wie auf der Promenade, wächst immer mehr, der Luxus der Badetoiletten nimmt ständig zu. Es ist heute Geschmackssache, ob man die Badetoiletten hoch und mit Ärmeln oder ausgeschnitten wählt … « (»Das Blatt der Hausfrau«, 8. Juli 1906). Für die elegante Herrenkleidung ist Großbritannien ausschlaggebend: Die englische Etikette stellt hohe Anforderungen an sie. Auch der Herr muss für jede Gelegenheit passend angezogen sein und wählt zwischen dem sportlichen Sakkoanzug, dem konservativen Gehrock, einem Tages-Gesellschaftsanzug wie dem Cut, dem kleinen Abendanzug wie dem Smoking und der großen Abendkleidung wie dem Frack. Dazu weiß der Herr selbstverständlich, welcher Mantel, welche Kopfbedeckung, Schuhe und Handschuhe, abgesehen vom Hemd und Krawatte zum jeweiligen Anzug passen. Die Herrenschneider geben ihren Kunden auch diskret Handblätter mit genauen Anleitungen mit.