Schritte in die Elektronik

Wissenschaft und Technik 1906:

Grundlagenerfindungen auf dem Gebiet der Elektronik stehen 1906 im Vordergrund des technischen Fortschritts. Außerdem kommt es zu wegweisenden praktischen Ergebnissen auf dem Sektor der elektronischen Kommunikation, sowohl bei der Telegrafie wie bei der Übertragung von Sprache und Bildern. Der Verkehrssektor hat Neuheiten zu Wasser, zu Lande und in der Luft aufzuweisen. Ein neues Leichtbaumaterial, Dural, macht von sich reden. Und die physikalische Forschung widmet sich erfolgreich der Untersuchung des radioaktiven Zerfalls von Uran. Drei Erfindungen tragen dazu bei, das Elektronikzeitalter einzuleiten. Der US-Wissenschaftler H. H. C. Dunwoody entdeckt, dass manche Kristalle elektrischen Gleichstrom nur in einer Richtung leiten, während sie in Gegenrichtung als Isolatoren wirken. Dunwoody entdeckt damit den Halbleiter-Gleichrichter, die Grundlage für die gesamte spätere Halbleiterentwicklung bis hin zu Transistor und Mikrochip.

Der österreichische Physiker Robert von Lieben erfindet das Kathodenstrahlrelais, eine erste Form der elektronischen Verstärkerröhre. Und sein US-amerikanischer Fachkollege Lee De Forest präsentiert unabhängig von ihm sein im Prinzip gleichartig arbeitendes »Audion«, eine Dreigitterröhre (Triode) mit elektronischer Verstärkerwirkung. Diese neuen Elektronenröhren haben unmittelbare Folgen für die Entwicklung der Radiotechnik.

Elektrische Versuche unternehmen in Deutschland Max Dieckmann und Gerhard Glage auch bereits auf dem Gebiet des Fernsehens. Sie experimentieren mit der 1897 erfundenen Braun’schen Bildröhre, während in Russland Boris Rosing noch Versuche mit einer mechanisch-optischen Bildzerlegung und Bildwiedergabe nach dem Prinzip der 1884 entwickelten Nipkow-Scheibe durchführt. Praktische Anwendung findet die Tonübertragung vom Mikrofon zu einem Telefonhörer auf engstem Raum im ersten kommerziellen tragbaren Hörhilfegerät. Dieses handliche Gerät für Schwerhörige bietet die Deutsche Akustik-Gesellschaft mit Trockenbatterie-Betrieb an.

Während Rundfunk und Fernsehen erste Gehversuche machen, fußt die Elektrokommunikation ansonsten auf der Funktelegraphie. So wird in Nauen bei Berlin eine neue, leistungsstarke Telegrafenstation als Versuchsstation von Telefunken in Betrieb genommen.

Ein bisher kaum genutztes Prinzip des Landfahrzeuges realisiert für den kommerziellen Einsatz Benjamin Holt im US-Bundesstaat Kalifornien. Er fertigt serienmäßig Gleiskettenfahrzeuge mit Dampfantrieb als Traktoren für die Landwirtschaft, aber auch für den militärischen Einsatz. Das Gleiskettenprinzip geht zwar schon auf eine Erfindung des britischen Gutsbesitzers Sir George Cayley im Jahre 1825 zurück, wurde aber vor 1906 nur in wenigen Einzelfällen angewandt.

Rein militärischer Nutzung bleibt das erste Unterseeboot der deutschen Marine, die von der Germania-Werft für die kaiserliche Marine gebaute »U 1«, vorbehalten.

In der Luftfahrt macht das erste lenkbare »unstarre« Luftschiff von sich reden, mit dem sein Erbauer, der deutsche Ingenieur August Franz Max von Parseval am 26. Mai auf Jungfernfahrt geht. Alfred Wilm, ein deutscher Hütteningenieur, erfindet eine neue, technisch sehr bedeutende Leichtmetalllegierung, das Dur- oder Hartaluminium, das als »Dural« bekannt wird. Es wird sich als Leichtbaumaterial vor allem im Schiff- und später auch im Flugzeugbau bewähren.

Die physikalische Grundlagenforschung schließlich wartet mit der Entdeckung der radioaktiven Zerfallsreihe von Uran über zahlreiche Zwischenelemente zum Endprodukt Blei auf. Herausgefunden wird dieser von selbst ablaufende Mechanismus von dem US-amerikanischen Physikochemiker Bertram Borden Boltwood.