Zwischen Enthüllungen und Sittlichkeit: Kunst und Gesellschaft in Bewegung

Zwischen Enthüllungen und Sittlichkeit: Kunst und Gesellschaft in Bewegung
Personenbeschreibung aus der Strafvollzugsakte Wilhelm Friedrich Voigts (Hauptmann von Köpenick) gemeinfreiPD-alt-100 über Wikipedia

Politik und Gesellschaft 1906:

Dass auch Literatur Bewegung in die Politik bringen kann, beweist Upton Sinclairs Roman »Der Dschungel«. Die Enthüllungen über die grauenhaften Zustände in den Schlachthöfen von Chicago schockieren weltweit die Öffentlichkeit und führen zu neuen Lebensmittelgesetzen in den USA. Zu den kulturellen Höhepunkten dieses Jahres zählt die Jahrhundertausstellung deutscher Kunst in Berlin. Durch sie werden viele bislang unbekannte Maler des 19. Jahrhunderts »entdeckt« – von Caspar David Friedrich bis Joseph Anton Koch. In Dresden veranstalten die Künstler der »Brücke« ihre ersten Ausstellungen. Die »Brücke« entwickelt sich zum Sammelpunkt des deutschen Expressionismus.

Selbst ernannte »Sittlichkeits«-Wächter haben im Deutschen Reich nicht nur Einfluss auf die Malerei. »Kauft nicht bei Unsittlichen!«, lautet die Überschrift einer Anzeigenserie. Der »unsittliche« Schriftsteller Ludwig Thoma wandert für sechs Wochen ins Gefängnis. Selbst die Oberweite von Kaiserin Auguste Viktoria gerät ins Kreuzfeuer der Sittlichkeitsprediger. Mit dem Vorwurf, Kaiser Wilhelm II sei von Homosexuellen umgeben, löst Maximilian Harden die Eulenburg-Affäre aus, die dem Ansehen der deutschen Monarchie schweren Schaden zufügt.

Zielscheibe weltweiten Hohngelächters werden Militarismus und Kadavergehorsam der preußischen Monarchie, als ein Zuchthäusler in Hauptmannsuniform mit Hilfe von Soldaten in das Rathaus von Köpenick eindringt, den Bürgermeister und andere Stadtoberen verhaften und sich die Stadtkasse aushändigen lässt. Der Schuster Wilhelm Voigt handelt aus Verzweiflung: Er will mit dem Geld ein Land verlassen, dessen Behörden ihm als entlassenem Zuchthäusler den Aufbau einer neuen Existenz verweigern. Vielleicht ließ sich der Räuberhauptmann zu seinem Streich durch Kaiser Wilhelms Rede vom 8. September animieren. Der Kaiser will in Deutschland keine »Schwarzseher« mehr dulden: »… wer sich zur Arbeit nicht eignet, der scheide aus, und wenn er will, suche er sich ein besseres Land.«