25 000 Mark für ein Automobil

Verkehr 1907:

Auch immer mehr Stadtverwaltungen beschließen die Anschaffung von Kraftwagen. Bei der Debatte über die Anschaffung eines Automobils für den Berliner Magistrat argumentiert ein Abgeordneter so: »Meine Herren, die Anschaffung von Automobilen ist ein sehr kostspieliges Ding. Ein Automobil von 38 bis 40 Pferdekraft und anständiger Karosserie … kostet 25 000 Mark [ein Arbeiter verdient rund 900 Mark jährlich]. Man könnte auch einen schwächeren Wagen anschaffen – 28 bis 30 Pferdekraft – der natürlich billiger ist. Hierzu würde ich nicht raten, da mich die Erfahrung gelehrt hat, daß fast sämtliche Automobilbesitzer, die einen Wagen mit geringerer Pferdekraft angeschafft haben, sich bald nachher einen starken Wagen kauften.«

»Für den … Lokalverkehr werden nur Automobile übrigbleiben, wenn es gelingt, widerstandsfähigere Motoren und billigere Bereifung für sie zu schaffen. Wenn der Verkehr zu Wasser überhaupt in Betracht kommen soll, werden schnellfahrende Motorfahrzeuge ihn übernehmen müssen. Auch Luftfahrzeuge werden am weiteren Verkehr der Zukunft voraussichtlich teilnehmen.« Auf diese Formel bringt der Berliner Baurat Franz Jaffé die Perspektiven für den innerstädtischen Verkehr. Während in den Städten der Straßenbelag weitgehend den Bedürfnissen der Kraftwagen entspricht, herrschen in ländlichen Gegenden z. T. katastrophale Straßen- und Verkehrsverhältnisse vor. So schreibt Hans Hasperg, der Direktor des Kaiserlichen Automobil-Clubs: »Schlimm steht es noch mit dem Verkehr auf unseren Landstraßen. Wie oft trifft man als Autofahrer schlafende Kutscher, deren Gespanne in der Mitte der Straße statt rechts fahren, unbeleuchtete Wegeschranken, große Schotterhaufen ohne Warnungssignal, scheue Pferde, die, namentlich in der Erntezeit, der Obhut kleiner schwächlicher Knaben anvertraut sind. Wie oft erlebt man es, daß Kutscher, die im Halbschlummer dahinfahren, durch die Huppe [sic] des Automobils geweckt, plötzlich ihre Pferde mit dem Zügel im Maul reißen und ihnen womöglich noch eins mit der Peitsche versetzen. Kein Wunder, wenn dann die Gäule durchgehen und Schaden anrichten.«

Das Hauptargument der Automobilgegner sind die zahlreichen Unfälle. Der Kaiserliche Automobil-Club nennt als häufigste Unfallursachen »Versagen der Maschinerie, Fehler des Führers in der Handhabung des Wagens und unrichtiges Verhalten des Publikums und des Autofahrers zueinander«. Um die Zahl der Unfälle zu reduzieren, fordert der Club, dass die Fahrschulen nicht mehr in privater Hand bleiben, sondern staatlicher Aufsicht untersteht werden. Alkohol am Steuer und Raserei sind nach Meinung der Automobilgegner eine weitere hauptsächliche Unfallursache. Kein Einzelfall ist z. B. der Rittergutsbesitzer Brauns-Holzdorf, der sich nach dem Genuss von sechs Litern alkoholischer Getränke in geselliger Runde selbst ans Steuer seines Wagens setzt, statt es dem Chauffeur zu überlassen, und sich in rasender Fahrt durch die frische Nachtluft bewegt, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen; ein Mann wird dabei überfahren. Das Gericht verurteilt ihn zu drei Monaten Gefängnis – durch die Presse geht ein Aufschrei wegen dieses milden Urteils.