Edle Massenprodukte

Wohnen und Design 1907:

Zwei Hauptereignisse prägen den Bereich Formgebung im Jahr 1907: Erstmals wird ein führender Künstler von einem deutschen Großbetrieb als künstlerischer Berater engagiert – der Architekt und Designer Peter Behrens geht zur AEG nach Berlin. Das zweite Großereignis ist die Gründung des Deutschen Werkbunds. Behrens wiederum zählt zu den Gründungsmitgliedern des Werkbunds.

Der Deutsche Werkbund entsteht im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs, durch den das Deutsche Reich um die Jahrhundertwende seinen Rückstand gegenüber den älteren Industrieländern aufgeholt hat, sowie unter dem Einfluss des Übergangs zu Großbetrieben und des dadurch ausgelösten Fortschrittsgedankens. Vorangegangen war der Gründung 1906 die Kunstgewerbeausstellung in Dresden, auf der erstmals neue künstlerische Gedanken auf allen Gebieten der Umweltgestaltung (Architektur, Kunsthandwerk, Industriedesign) präsentiert wurden. Der Deutsche Werkbund steht unter dem Einfluss des liberalen Bürgertums, das sozialreformerische, demokratische Ideen vertritt. So ist es das Ziel des Hauptinitiators Friedrich Naumann, durch technisch und ästhetisch gediegene Massenproduktion den Lebensstandard der werktätigen Schichten zu heben, ihre kulturellen Bedürfnisse besser zu befriedigen und damit die soziale Frage lösen zu helfen. Materialechtheit und Materialgerechtigkeit werden zu seinen wichtigsten ästhetisch-moralischen Grundsätzen, das Maschinenprodukt und seine Ästhetik wird zum Hauptproblem.

Zu den ersten Aufgaben von Behrens bei der AEG gehört die Gestaltung elektrischer Bogenlampen: Ihr Aussehen soll nicht nur von rein technischen Erfordernissen bestimmt werden; gleichzeitig vermeidet Behrens, dass dekorative Verzierungen die Technik nicht mehr erkennen lassen. Dieses Prinzip wendet er bei allen Entwürfen an: bei elektrischen Tee- und Wasserkesseln, Kleinmotoren und Ventilatoren, elektrischen Heizgeräten und Uhren, Zahnbohrmaschinen, Armaturen, Wasserzerstäubern und Schalttafeln. Darüber hinaus ist er auch als Grafiker für die AEG tätig: Er gestaltet Einladungskarten, Festschriften, Werbebroschüren, Kalender und Plakate.

Die zunehmende Ausrichtung des Werkbunds auf Exportinteressen führt rasch zur Bevorzugung des Kunstgewerbes und der individuellen künstlerischen Leistung. In den Vordergrund tritt gefällige Luxuskunst; die sozialreformerischen Ziele geraten zwar nicht in Vergessenheit, treten jedoch in den Hintergrund. Dennoch sind die Auswirkungen des Deutschen Werkbunds auf die Entwicklung einer zeitgemäßen Formgebung so entscheidend, dass es in den folgenden Jahren zur Bildung eines österreichischen und eines schweizerischen Werkbunds kommt.