Einschränkung und Luxus

Ernährung, Essen und Trinken 1907:

»Da stehen Teller an Teller auf weißgedeckter Tafel, die Blüten duften aus kristallnen Kelchen, und das Silber blinkt im Schein der auf vielarmigen Leuchtern steckenden Kerzen« – diese Beschreibung einer Abendtafel trifft die Wirklichkeit nur für die kleine Schicht der Begüterten. Die breite Masse hingegen, die von silbernem Besteck nur träumen kann, sieht sich 1907 mit einer drastischen Lebensmittelverteuerung konfrontiert. Die österreichischen Sozialdemokraten beschreiben bei einem Antrag im Reichsrat die Lage so: »Die Verteuerung fast aller wichtigen Lebensmittel hat die besitzlosen und die minder bemittelten Klassen in einen Zustand bitterer Not gebracht.« Diese Lebensmittelverteuerung führt zu Umstellungen in der Ernährung. So zeitigt die Fleischteuerung, die 1906 eingesetzt hat, 1907 einen radikalen Rückgang beim Fleischkonsum. Ernährungswissenschaftler nehmen dies zum Anlass, um in einer breiten Aufklärungskampagne über »Volksernährung« davor zu warnen, nach dem Ende der Teuerung wieder zur einseitigen »Fleischmästung« überzugehen. Bisher gibt es auch in den minderbemittelten Kreisen viele Familien, in denen bei der Mittags- und Abendmahlzeit ein Fleischgang – so mager er bei einer Arbeiterfamilie auch ausfallen mag – zum Standard gehört, während Gemüse und Kompott eine Seltenheit sind. Die Zeitschrift »Die Woche« schreibt am 26. Januar: »Die nachteiligen Folgen übermäßiger Fleisch- und Eiweißnahrung haben sich in der modernen Kulturwelt außerordentlich scharf kenntlich gemacht. Es ist kaum daran zu zweifeln, daß hier eine der hauptsächlichsten Quellen für die Jahrhundertskrankheit, die sogenannte Neurasthenie [Nervenschwäche], zu suchen ist, zumal mit jener einseitigen Kost stets auch die übermäßige Alkoholzufuhr untrennbar verknüpft ist, so daß gleichzeitig zwei schädliche Reize auf das Nervensystem einwirken. Auch der frühzeitige Eintritt von Gefäßverkalkungen, die Entstehung von Gicht und Nierenkrankheiten und dergl. werden vielfach nicht ohne Berechtigung auf diese Fleischmästung der modernen Menschen zurückgeführt.«