Farbig und hoch hinaus

Wissenschaft und Technik 1907:

Mehrere Erfinder widmen ihre Aufmerksamkeit dem Bild, seiner Aufnahme in Farbe, seiner Vervielfältigung durch Lichtpausen, seiner Übertragung. In der Industrie erlebt die Wälzlagertechnologie einen bedeutenden Aufschwung. Seine ersten bescheidenen Flugversuche macht 1907 der Hubschrauber. Weit höher hinaus wagt sich die Architektur mit dem ersten, 186,5 m hohen Wolkenkratzer. Die rein wissenschaftliche Forschung hat die Entdeckung des chemischen Elements Lutetium und den Nachweis des sog. Doppler-Effekts beim Licht zu melden. In Frankreich stellen die Fotopioniere Louis Jean und Auguste Lumière ihre neueste Erfindung vor: Die Farbfotografie. Sie beruht auf dem von ihnen seit 1903 entwickelten Autochrom-Verfahren, das mit beschichteten Glasplatten arbeitet. In die Schicht sind winzige rot, grün und blau gefärbte Stärkekörnchen eingebettet, die nur das Licht der entsprechenden Wellenlängen passieren lassen. Das Ergebnis sind Glasdiapositive. Nach der Methode der fotografischen Kontaktkopie gelingt es dem Ingenieur Everett MacAdam, Zeichnungen auf Transparentpapier zu kopieren. Als Lichtquelle benutzt er Quecksilberdampflampen im Inneren eines rotierenden Glaszylinders, um den das Original und der Film laufen.

Versuche mit der Bildzerlegung und elektrischen Bildübertragung unternimmt mit einem »Kathoskop« genannten Gerät Boris Rosing in Petersburg. Er bedient sich dabei der 1884 von dem deutschen Ingenieur Paul Nipkow erfundenen »Nipkow-Scheibe«, einer mechanischen Art der Bildelementeumwandlung in modulierten elektrischen Strom. Rosings »Kathoskop« übermittelt mehrere Bilder pro Sekunde und ist damit wesentlich schneller als Nipkows Geräte.

In der Schwerindustrie einerseits und der blühenden Fahrrad- und Autoindustrie andererseits werden mehr und mehr Kugel- und andere Wälzlager verwendet. Diese Entwicklung, die bereits unmittelbar nach der Erfindung der Stahlkugelschleifmaschine durch den Deutschen Friedrich Fischer im Jahr 1883 begann, setzt sich weltweit durch. 1907 erfindet Sven Wingquist das zweireihige Pendelkugellager, das bald auf dem Weltmarkt dominiert.

Erste Experimente mit Hubschraubern unternehmen französische Konstrukteure: Am 24. August startet Louis Brequet einen Fesselflugversuch. Er testet sein einschließlich Pilot 577 kg schweres »Gyroplane« in Duai. Nachdem es sich, von vier Männern mit Stangen dirigiert, mehrmals leicht vom Boden abgehoben hat, bewegt es sich plötzlich und unkontrolliert 100 m weit, bevor es in einem Rübenfeld zu Bruch geht. Nicht wesentlich erfolgreicher ist am 13. September der Franzose Paul Cornu. Sein Hubschrauber mit zwei Rotoren von je 6 m Durchmesser und einem 24-PS-Motor hebt nur 30 cm vom Boden ab.

In aller Welt bewundert wird indes das mit 186,5 m höchste Wohnhaus der Erde. Die Singer-Nähmaschinengesellschaft errichtet den schlanken Stahlskelettbau mit 47 Stockwerken über dem Erdniveau am Broadway in New York.

Schon 1842 hatte der österreichische Physiker Christian Doppler herausgefunden, warum für einen ortsfesten Beobachter die Tonhöhe einer bewegten Schallquelle von deren Geschwindigkeit und Richtung abhängt. Wie Doppler nachwies, erreichen die Schallschwingungen einer auf einen Beobachter zulaufenden Geräuschquelle diesen in dichterer Folge als die einer sich entfernenden Quelle. Den entsprechenden Sachverhalt beweisen jetzt der russische Physiker Boris B. Golizyn und J. Willp für das Licht. Der Doppler-Effekt beim Licht macht sich als Farbverschiebung – etwa bei fliehenden Gestirnen – bemerkbar.

Ein weiterer Erfolg ist die Entdeckung des Elements Lutetium durch den französischen Chemiker Georges Urbain und den Österreicher Carl Freiherr Auer von Welsbach. Das Element mit der Ordnungszahl 17 gehört zu den sog. Lanthanoiden.