Jugendstil und Funktionales

Jugendstil und Funktionales
Casa Battló, Passeig de Gràcia, Barcelona, Spanien, Ansicht von der gegenüberliegenden Straßenseite, By ChristianSchd (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Architektur 1907:

In der Architektur treten neben den Jugendstil rationalistisch-funktionale Strömungen. Gleichzeitig werden weiterhin historisierende Prunkbauten errichtet, in denen sich der Pomp Wilhelminischer Prägung spiegelt. In Barcelona vollendet Antoni Gaudí, der eine persönliche, »katalanische« Variante des Jugendstils entwickelt hat, die Casa Batlló. Bei diesem Haus eines Stofffabrikanten greift Gaudí auf Formelemente der katalanischen Gotik zurück und verwendet viele Elemente, die er auch in den Bau der Kirche Sagrada Familia einbringt. Bei dieser Kathedrale setzt er gewagte Gewölbekonstruktionen ein, bildet Pfeiler und Dienste als Bäume mit Blättern aus und überzieht Portale mit pflanzlichem Dekor. Gaudí fasst den Jugendstil nicht als Anregung für dekorative Zutaten auf, sondern bemüht sich – ähnlich wie der Schotte Charles Rennie Mackintosh und der in Sachsen wirkende Belgier Henry van de Velde – um jugendstilhafte Durchdringung des gesamten Baukörpers, der oft extrem ausgeprägte plastische Formen bekommt. Ebenso wie die Österreicher Josef Hoffmann und Otto Wagner ist Gaudí nicht nur als Architekt tätig, sondern gestaltet auch Inneneinrichtungen. In der Casa Batlló z. B. arbeitet er die Einrichtungsgegenstände als Holzplastiken. Ausdruck dafür, dass, wie Gaudí, viele moderne Künstler nicht mehr zwischen Innen- und Außenarchitektur, Design und Kunsthandwerk trennen, sondern »Gesamtkunstwerke« errichten wollen, ist die Gründung des Deutschen Werkbunds am 6. Oktober in München. Ein ähnlicher Zusammenschluss ist die Wiener Werkstätte, die komplette Einrichtungen und Häuser entwirft. So entsteht seit 1905 das von Josef Hoffmann entworfene Palais Stoclet in Brüssel, an dem führende Künstler mitarbeiten.

Zu den Hauptvertretern der historistischen Architektur in Deutschland zählt Friedrich von Thiersch. 1907 wird sein Kurhaus in Wiesbaden eröffnet, für das er auch die prunkvolle Inneneinrichtung schuf. Gleichzeitig errichtet er die Festhalle in Frankfurt am Main.

Ein bedeutender Exponent der rationalistisch-funktionalen Richtung ist Peter Behrens, der in diesem Jahr künstlerischer Berater des AEG-Elektrokonzerns in Berlin wird. Damit hat erstmals ein Gestalter Einfluss auf alle Bauten und Produkte eines Konzerns. 1907 ist Behrens als Architekt und Gestalter u. a. an der Kunstausstellung in Mannheim beteiligt; in Delstern bei Hagen wird das nach seinen Plänen errichtete Krematorium vollendet. Bei diesen Bauten hat Behrens die Tendenz zu kubischer Geschlossenheit der Baukörper verstärkt – bei gleichzeitiger Neigung zu abgesetzten Kanten und geometrischer Flächenaufteilung. Joseph Maria Olbrich baut in Düsseldorf unter Einsatz kostbarer Materialien das funktionalistische Warenhaus Tietz. Gleichzeitig wird nach seinen Plänen auf der Darmstädter Mathildenhöhe das Ausstellungsgebäude mit dem Jugendstil-Hochzeitsturm als Dominante und Stadtkrone errichtet.

 

Gewölbekonstruktion, Sagrada Família in Barcelona. © Foto Josef Höckner, München

Gewölbekonstruktion, Sagrada Família in Barcelona. © Foto Josef Höckner, München