Kampf um die Frauenbildung

Bildung 1907:

Das zentrale Thema im deutschen Bildungswesen ist der Kampf um die Mädchenschulreform. Dabei kommt Preußen als größtem Land eine Schlüsselfunktion zu. Die bisherigen höheren Mädchenschulen in Preußen gewähren den Schülerinnen vom sechsten bis zum 15. oder 16. Lebensjahr Unterricht. Neben diesen neun- bzw. zehnklassigen Schulen gibt es für die weibliche Jugend weder städtische noch staatliche Schulen, die zur Universitätsreife führen. Einigen höheren Mädchenschulen sind sog. Lehrerinnenseminare angegliedert, die von vielen Frauen auch zu allgemeinen Bildungszwecken besucht werden. Die wesentlichen Anstöße zur Mädchenschulreform, die 1907 in Parlament und Öffentlichkeit mit großer Heftigkeit diskutiert wird, kamen nicht von Politikern, sondern aus der Frauenbewegung. Die Frauenbewegung sieht in der Mädchenbildung das Kernproblem der Frauenfrage. Unter der Führung von Helene Lange erhebt sie die Grundforderung: Überwindung der beschaulich-ästhetisierenden Mädchenerziehung durch eine auf strenge logische Schulung aufbauende Ausbildung. Zwar sind im letzten Jahrzehnt Fächer wie »Singen«, »Handarbeit« oder »Zeichnen« zugunsten von Naturwissenschaften und Turnen reduziert worden, doch dominiert weiterhin die »ästhetisch-gesellschaftliche« Ausbildung. Zur Durchsetzung der Forderung nach einer Mädchenschulreform wurde 1891 der Allgemeine Deutsche Lehrerinnenverein gegründet. Führende Schulmänner wie Jakob Wychgram und Hugo Gaudig nahmen sich des Themas an. Am 16. April stellt der preußische Kultusminister Konrad Studt die Grundzüge der geplanten Mädchenschulreform vor: »Die bedeutsamste Änderung wird darin bestehen, daß gegenüber der bisher vielfach einseitigen Betonung der ästhetischen und Gefühlsbildung ein größeres Gewicht auf die Verstandesbildung gelegt wird.« Zugleich aber betont der Minister:

»Der Mittelpunkt der Mädchen- und Frauenbildung wird nach wie vor in Religion und Deutsch bestehen. Die intellektuelle Bildung soll in keiner Weise dazu führen, daß der große Schatz, den unser deutsches Volk in der Herzensreinheit und Gemütstiefe deutscher Frauen und Mädchen allezeit hochgehalten hat, irgendwie eine Beeinträchtigung erfahre.« Die Reform bringt folgende Ergebnisse, die auch auf die übrigen deutschen Länder wirken:

  • Das gesamte höhere Mädchenschulwesen wird der Verwaltung des höheren Schulwesens eingegliedert.
  • Im Lehrplan werden Mathematik und Naturwissenschaft in Angleichung an die Knabenrealschule verstärkt.

  • Das »Lyzeum«, d. h. die staatlich anerkannte höhere Mädchenschule, umfasst mit Vorschule zehn Schuljahre: Drei ohne Fremdsprache, drei mit Französisch und vier mit Französisch und Englisch.
  • Auf den Besuch des Lyzeums kann der Besuch einer zweiklassigen »Frauenschule« folgen, die die besonderen Aufgaben der Hausfrau und Mutter in den Mittelpunkt des Unterrichts stellt.
  • Auf den Besuch des Lyzeums kann der Besuch des Höheren Lehrerinnenseminars zur Ausbildung von Lehrerinnen folgen. Das Höhere Lehrerinnenseminar teilt sich in drei wissenschaftliche Klassen und ein praktisches Ausbildungsjahr. Das abschließende »Zeugnis für die Anstellung als Lehrerin an Volks- und höheren Schulen« berechtigt zugleich zur Immatrikulation an den philosophischen Fakultäten.
  • Den Zugang zur Universität eröffnen »Studienanstalten«.

Fächer der sog. Frauenschulen sind: »Haushaltungskunde mit Übungen in Küche und Hauswirtschaft, Kindergartenunterweisung, Gesundheitslehre, Kleinkinderpflege und Beschäftigung in Krippen, Kinderhort- und Samariterkurs, Bürgerkunde und Volkswirtschaftslehre.«