Krise dämpft Hoffnungen

Arbeit und Soziales 1907:

Der Ausbruch einer Wirtschaftskrise überschattet 1907 die Welt der Arbeit in den Industriestaaten. Besonders betroffen sind die USA und Großbritannien. Die Zahl der Arbeitslosen in Großbritannien verdoppelt sich von 1906 bis 1908 von 3,6 auf 7,8%, in den USA steigt sie auf 16,4%. Begleitet wird die Wirtschaftskrise von einem drastischen Anstieg der Lebensmittelpreise.

Angesichts der Krise stagniert die Sozialpolitik. So kündigt der deutsche Staatssekretär des Innern (Innenminister), Arthur Graf von Posadowsky-Wehner, am 10. März zwar die Fortführung der staatlichen Sozialpolitik an, als Hauptziel nennt er dabei jedoch lediglich die Einführung des zehnstündigen Arbeitstages für Frauen. Selbst die von dem Minister genannten Minimalforderungen sind der Industrie schon zu viel. Sie fordert unverhohlen die Abberufung Posadowsky-Wehners wegen seines zu großen Engagements in der Sozialpolitik – mit Erfolg: Am 24. Juni wird Posadowsky-Wehner durch Theobald von Bethmann Hollweg abgelöst. Welche Kampfhaltung die Arbeitgeber den Arbeitern gegenüber einnehmen, zeigt sich auch bei den Aussperrungen anlässlich des 1. Mai. Die sozialpolitischen Hauptforderungen der Arbeiterschaft formuliert der Zweite Deutsche Arbeiterkongress der christlichen Arbeiter- und Angestelltenorganisationen im Oktober in Berlin:

  • gesetzliche Regelung der Arbeitszeit (Höchstarbeitstag)
  • Achtstundenschicht für Feuer-, Hütten- und Hochofenarbeiter
  • bessere sanitäre und hygienische Einrichtungen in der Industrie
  • schärfere Unfallverhütungsvorschriften, deren Einhaltung durch Fabrikinspektoren kontrolliert werden soll
  • Einschränkung der Sonntagsarbeit
  • Verbot der Frauenarbeit in der Schwerindustrie.

Bei der Begründung dieser Forderungen wird u. a. darauf hingewiesen, »dass in der schweren und gesundheitsschädlichen Industrie infolge des forcierten Produktionsprozesses, der hastenden, langen und schweren Arbeit, der auszustehenden großen Hitze und der giftigen Gase die Unfälle und Krankheiten eine ungeheure Steigerung erfahren, desgleichen die Kraft der Arbeiter vor der Zeit aufgerieben, sanitäre und hygienische Maßnahmen vielfach mangelhaft sind oder gänzlich fehlen«. Eine gesetzliche Regelung der täglichen Arbeitszeit gibt es im Deutschen Reich nicht. Gesetzlich festgelegt ist lediglich die Mindestruhezeit: Sie beträgt zehn Stunden. Daraus ergibt sich ein Höchstarbeitstag von 14 Stunden. Die durchschnittliche Arbeitszeit liegt bei zehn bis 14 Stunden. Darin nicht enthalten sind die Zeiten für die (Mittags-)Pause und für den Weg von und zur Arbeit.

Eine Forderung der Arbeiterschaft, die Einführung des arbeitsfreien Sonntags, wird in einigen Ländern allmählich Wirklichkeit. In Frankreich, wo 1906 das Gesetz über die Sechstagewoche in Kraft getreten ist, lassen viele Unternehmer jedoch weiterhin an sieben Tagen arbeiten. Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen bei Demonstrationen für die Einhaltung des arbeitsfreien Sonntags. Im Juli wird auch in Italien per Gesetz, im August in Portugal die Sechstagewoche eingeführt.