„Sittlichkeit“ als patriarchale Antwort auf Frauenfrage und gesellschaftliche Veränderungsbestrebungen

„Sittlichkeit“ als patriarchale Antwort auf Frauenfrage und gesellschaftliche Veränderungsbestrebungen
Philipp zu Eulenburg-Hertefeld um 1905 – eine der Hauptpersonen in der Harden-Eulenburg-Affäre, See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1907:

Zu den zentralen innenpolitischen Themen zählt in allen Industriestaaten die Frauenfrage. »Nur Gattin und Familienmutter zu sein, ist heutzutage ein Beweis von Rückständigkeit«, resümiert die Zeitschrift »Die Woche«. Während die Finninnen die politische Gleichstellung mit den Männern erreichen, dauert in anderen Staaten der Kampf um dieses Recht an. Die Empörung radikaler Frauenrechtlerinnen entlädt sich in militanten Aktionen: Mehrmals versuchen Suffragetten, das britische Unterhaus zu stürmen.

Das Jahr 1907 ist aber auch ein Jahr der Affären, vor allem im Deutschen Reich. Der Eulenburg-Skandal um Homosexuelle in der Umgebung des Kaisers führt dem Ansehen der Monarchie schweren Schaden zu. Zu den peinlichsten Kolonialaffären zählt die Affäre »Puttkamerun«: Eine Liebschaft mit falschem Pass beendet die Karriere Jesko von Puttkamers, des Gouverneurs von Kamerun. Diese und ähnliche Affären kommen in einer gesellschaftlichen Atmosphäre ins Rollen, in der das Wort »Sittlichkeit« in aller Munde ist. Am Pranger stehen »rasende Weiber, irreredende Poeten, fanatische Gläubige der Aufklärung«, fast kein Tag vergeht, ohne dass die Presse über einen Prozess gegen »Unsittliche« berichtet.