Die Straßen füllen sich

Politik und Gesellschaft 1908:

Der Reichstagsabgeordnete Heinrich Prinz zu Schönaich-Carolath fordert im Februar 1908 im Deutschen Reichstag »einen Schutz der zu Fuß gehenden Mitglieder der menschlichen Gesellschaft vor den Ausschreitungen der Automobilisten«. Das ist ein Hinweis darauf, dass dem Automobil noch das Besondere des Neumodischen anhaftet. Im gesamten Deutschen Reich gibt es Anfang 1908 gerade 14 700 Personenkraftwagen. In der Weltverkehrstatistik taucht das Auto nicht auf, als Nahverkehrsmittel macht es in den Großstädten immerhin schon den Pferdedroschken und den elektrischen Straßenbahnen Konkurrenz. Letztere haben derzeit im Deutschen Reich ein Streckennetz von rund 3500 km, steigende Tendenz. Als »Zwitter« tauchen dazwischen vereinzelt Droschken mit Elektroantrieb und – als Versuchsobjekte – Oberleitungs-Omnibusse auf. Das Automobil ist bislang noch eher eine herrschaftliche Kutsche neueren Anstrichs: Adlige, Bürgerliche, Abenteurer, Politiker und Militärs – alle sind begeistert von den neuen Möglichkeiten, die später einmal unter der Bezeichnung Individualverkehr Fundamente ganzer Gesellschaftsordnungen sein werden.

Mit der Motorisierung auf den Straßen taucht der Ruf nach neuen Normen für den Verkehr auf. So heißt es in einer »Plauderei über großstädtischen Verkehr« in der »Woche« (Nr. 47): »Nur langsam findet sich die moderne Welt in den großen Unterschied zwischen Straße und Spazierweg, den sie selbst geschaffen … Eine Hauptregel des Straßenverkehrs, deren vorzüglichste Innehaltung ich des öfteren in Berlin bemerkte, ist die, daß die langsamsten Fahrzeuge der Gehbahn immer am nächsten sein müssen. Dies ist wichtig für das Vorfahren und die Sicherheit des raschen Verkehrs. In werdenden Großstädten findet man noch immer, daß Handkarren und Lastwagen sich durch ihr unordentliches Gebaren störend bemerkbar machen.«

Fachleute beschäftigen sich eingehend mit der Frage, wie die Straßenoberfläche für Automobile beschaffen sein sollte. Die Situation im Deutschen Reich fasst ein deutscher Beamter so zusammen (»Die Woche«, Nr. 44): »Wenn wir den heutigen Zustand der öffentlichen Straße in Deutschland in den Großstädten betrachten …, bemerken wir ein Vordringen des Asphaltpflasters und ein Zurückgehen des Steinpflasters. Die Vorzüge des Asphaltpflasters bestehen in der völlig ebenen Fahrbahn, in der Geräuschlosigkeit und in der Möglichkeit einer guten Reinhaltung …«

Während der Autoverkehr noch in den Kinderschuhen steckt und die Flieger gerade erste »Hopser« machen, müssen Eisenbahn und Schifffahrt einen kontinuierlich wachsenden Transportbedarf im Weltverkehr bewältigen. Die Großmächte treiben die verkehrstechnische Erschließung ferner Gebiete wegen der Bodenschätze oder Rohstoffreserven voran. Entsprechend den wirtschaftlichen Interessen der Kolonialmächte wächst das Schienennetz in Asien und Afrika besonders rasch. Von Europa aus werden derzeit Bahnverbindungen bis in den Orient und nach Ostasien geschaffen. Noch ist die Eisenbahn das wichtigste Landverkehrsmittel – und das schnellste. Mit 210 km/h hält ein elektrischer Versuchs-Triebwagen seit 1903 den Geschwindigkeits-Weltrekord (im fahrplanmäßigen Verkehr dürfen die Züge der Deutschen Reichsbahn max. 100 km/h fahren). Erst 1910 macht das Automobil Führungsansprüche deutlich: Der sog. Blitzen-Benz fährt 212 km/h.