Erziehung zum Untertan

Bildung 1908:

Anlässlich einer Denkmalenthüllung hält der preußische Kultusminister Ludwig Holle am 29. Juni eine Grundsatzrede zum Volksschulprogramm. Dabei sagt er u. a.: »Einige Grundsätze für den Betrieb der Volksschule stehn unabänderlich in aller Zukunft. Fest steht, daß wir die Kinder zu erziehn haben, ihre Arbeit wenn auch mit Freudigkeit, so doch aber mit Ernst zu tun; denn ohne diese ernste Arbeit können wir sie nicht zu einem Geschlecht erziehn, wie es der Staat braucht und von uns erwarten muß. Ferner steht fest, daß die Erziehung auf christlicher Grundlage geschehen muß, um den Kindern einen festen sittlichen Halt für die Zukunft zu geben. Drittens steht fest, daß das Schulwesen nur gedeihen kann, wenn der einzelne sich in den Organismus des Gesamtwesens einfügt.« Jedes Land im Deutschen Reich regelt sein Unterrichtswesen selbst. In Preußen, wie in den meisten anderen Ländern, herrscht Schulpflicht vom 6. bis 14. Lebensjahr. Die Höchstschülerzahl pro Klasse ist mit 70 beschränkt, wird aber vielfach wegen Lehrermangel überschritten. Die Lehrgegenstände der Volksschule sind Religion, deutsche Sprache (Sprechen, Lesen, Schreiben), Rechnen, Zeichnen, Geschichte, Geografie, Naturkunde (für die Knaben), Turnen und Handarbeiten (letzteres für die Mädchen). Trotz der genannten konservativen Grundsätze kommt es auch in Preußen zu Reformen im Schulwesen. Die bedeutendsten des Jahres sind jene der Mädchenschulbildung sowie die Zulassung von Frauen zum Universitätsstudium. Während sich im Wintersemester an der Berliner Universität die erste Studentin immatrikuliert, erhält im zaristischen Russland erstmals eine Frau einen Lehrstuhl. Aus Unzufriedenheit mit den Methoden und Zielen der traditionellen Pädagogik werden in Deutschland seit der Jahrhundertwende immer mehr Alternativen zu dieser Erziehung entwickelt. Der sog. Reformpädagogik geht es nicht um einzelne Verbesserungen im bestehenden Erziehungssystem, sondern um einen grundsätzlich anderen Umgang mit Kindern. Ihr Ziel ist der mündige, selbstbewusste Bürger und nicht der gehorsame, verängstigte Untertan.

Ein wichtiger Vertreter der deutschen Reformpädagogik, der ehemalige Lehrer Ludwig Gurlitt, fasst in seiner »Erziehungslehre« (1909) die Kritik an der herkömmlichen Pädagogik in einem Satz zusammen: »Unsere Erziehung, die so tyrannisch über jeden Schritt der Jugend wacht und von Stunde zu Stunde die Ziele und Aufgaben und dazu die Mittel vorschreibt, zerstört durch ihren pedantischen Betrieb die elementaren Naturkräfte, die nach eigener freier Entwicklung drängen.« Als einer der ersten anerkannte Gurlitt die Ziele der Wandervogelbewegung.

Der deutsche Erziehungsreformer Berthold Otto gründete 1906 in Berlin eine Reformschule, in der er versucht, seine Erziehungsmethoden der jeweiligen Altersmundart der Kinder anzupassen: Der Maßstab der Erziehung ist der einer bestimmten Entwicklungsstufe entsprechende jeweilige Wortschatz und Satzbau eines Kindes. Ebenfalls 1906 eröffneten Gustav Wyneken und Paul Geheeb die »Freie Schulgemeinde Wickersdorf«, die in der Nachfolge von Hermann Lietz’ Landerziehungsheimen entstanden ist. In einer natürlichen Umgebung sollen die Kinder neben dem Unterricht vor allem soziales Verhalten in einer größeren Gruppe lernen. Mitverantwortung und Mitbestimmung der Schüler sowie Koedukation sind Grundsätze der »Schulgemeinde«, die sie weit von der traditionellen Paukerschule entfernt.