Fleisch ist Luxusnahrung

Ernährung, Essen und Trinken 1908:

Eine Untersuchung von Else Conrad, erschienen unter dem Titel »Lebensführung von 22 Arbeiterfamilien Münchens«, verdeutlicht nicht nur die Lebenshaltungskosten der Arbeiterfamilien in Deutschland, sondern zeigt auch, für welche Nahrungsmittel das meiste Geld ausgegeben wird: Eine siebenköpfige Familie mit Kindern zwischen ein und sieben Jahren wohnt in zwei Mansardenzimmern einer größeren Wohnung. Für die Miete dieser Räume müssen im Jahr 195 Mark oder 14,2% des Gesamteinkommens der Familie bezahlt werden. Der Mann arbeitet in einer Fabrik und erhält 25,50 Mark pro Woche. Zusammen mit dem Einkommen der Frau aus einigen Schneiderarbeiten beträgt das Jahreseinkommen der Familie 1359 Mark.

Davon wird der überwiegende Teil, nämlich 67,6%, für Nahrungsmittel verwendet: »Der Mann kommt zum Essen nach Hause. Für Wurst wurden 47,59 Mk. ausgegeben, für andere Fleischwaren 175 Mk. Nicht ganz 3 Pfund Fett einschl. Butter wurden monatlich von der großen Familie verbraucht und 2 2/5 Liter Milch am Tag für die Kinder aufgewendet. Ebenso sparsam war die Frau in dem Verbrauch von Eiern (275 Stück im Jahr). Dagegen gab sie sehr viel für Brot aus: 171 Mk. im Jahr, d. s. 18,3% des ganzen Aufwandes für Nahrungsmittel; auch der Kaffeeverbrauch (44 3/4 Pfd.) ist verhältnismäßig groß.«

Auffällig ist der geringe Fleischverbrauch von etwa 108 kg im Jahr für die ganze Familie, der sich aber durch die hohen Marktpreise erklären lässt. Fleisch ist auch 1908 ein Luxusartikel. Einen regelmäßigen Restaurantbesuch können sich nur Angehörige des gutsituierten Bürgertums leisten. Wie ein Artikel in der Zeitschrift »Die Woche« (Nr. 48) zeigt, isst man im ganzen Deutschen Reich Ähnliches: »Der kulinarische Inhalt der Speisenkarte weist in Deutschland in Nord und Süd keine wesentlichen Unterschiede auf. Die Küche ist – abgesehen von lokalen Spezialitäten – ziemlich einheitlich geworden. In Oberbayern kommen noch die verschiedenenKnödel hinzu, die im FränkischenKlöße heißen. Dann die traditionelleKalbshaxe und derPichelsteiner. Die MünchnerSemmelknödel mit Schwammerln (Steinpilze) finden bei den Berlinern wenig Gegenliebe, und die nationale oberbayrischeWeißwurst … wurde von einem Berliner Blatt alsunsagbar fader Magenkleister bezeichnet; dafür schütteln sich die Münchner, wenn sie von norddeutschenBierkarpfen hören, und die süßen Suppen, Kaltschalen, Salate mit Sahne und Zucker können sie zur Verzweiflung bringen.«