Ideen für die Fortbewegung

Wissenschaft und Technik 1908:

Beinahe alle Höhepunkte der technischen Entwicklung liegen in diesem Jahr auf dem Verkehrssektor. In der Luftfahrt ist von weiteren Pionierleistungen zu berichten. Ferdinand Graf von Zeppelin macht mit einem vergrößerten Starrluftschiff (Modell »LZ 4«) Schlagzeilen, mit dem er eine Zwölf-Stunden-Nonstopfahrt absolviert. Superlative hat auch die Schifffahrt aufzuweisen. Die irische Werft Harland and Wolff in Belfast stellt das Sechsmast-Segelschiff »Navahoe« fertig. Mit 10 000 t Ladefähigkeit und 137 m Länge ist es das bisher größte Segelschiff der Welt. In Großbritannien bauen John J. Thornycroft & Co das zur Zeit schnellste Kriegsschiff: Es erreicht eine Geschwindigkeit von 35,363 Knoten (65,5 km/h). Das Schiff entsteht im Rahmen des internationalen Wettrüstens der Großmächte zur See.

Im Schienenverkehr setzt man in Deutschland erstmals in größerem Stil auf Elektrifizierung. Vollständig mit Oberleitungsfahrdrähten ausgestattet werden die Eisenbahnlinien Leipzig – Bitterfeld – Magdeburg und Leipzig – Halle.

Die bedeutendsten technischen und zugleich auch wirtschaftlichen Fortschritte spielen sich auf dem Gebiet des Automobilbaus ab. Nachdem die Kraftfahrzeuge so weit ausgereift sind, dass sie sich in Serienfertigung herstellen lassen, stellt sich die Industrie zunehmend auf die Verbesserung von Einzelteilen und einzelnen Funktionen ein. Zugleich baut man größere und leistungsstärkere Modelle. So stellt die Firma Schebler in den USA den ersten Pkw mit Zwölfzylinder-V-Motor vor. Die bekannten französischen Automobilbauer Sizaire und Nadin nehmen eine Zukunftsentwicklung vorweg: Sie verwirklichen bei einem Pkw erstmals die Vorderrad-Einzelaufhängung, eine Technik, die erst 1931 wieder von Peugeot aufgegriffen wird. In den USA stellt die Firma Delco erste komplette elektrische Zündanlagen für Kraftfahrzeuge her, die mit einer Zündspule und einem rotierenden Zündverteiler arbeiten. Eine Sternstunde im Automobilbau ist der Produktionsbeginn des legendären »Modell T« bei den Ford-Werken in Detroit.

Außerhalb des Verkehrssektors sind auf technischem Gebiet die erste Herstellung von Zellophan aus Zellulose durch den Schweizer Chemiker Jacques Edwin Brandenberger und die Produktion erster langlebiger Glühlampen mit feinsten Wolfram-Glühdrähten durch William David Coolidge aus den USA zu erwähnen. Erste Wolframlampen wurden bereits 1905 von der Auergesellschaft und der AEG hergestellt. Sie hatten aber eine äußerst geringe Lebensdauer. Dem niederländischen Physiker Heike Kamerlingh Onnes gelingt in seinem Kältelaboratorium in Leiden erstmals die Verflüssigung von Helium und in Berlin wird Fritz Habers Verfahren zur Ammoniak-Synthese zum Patent angemeldet. Eine wichtige physikalische Erkenntnis untermauert der deutsche Physiker Heinrich Bucherer. Er erbringt experimentell den Nachweis, dass Elektronen, die auf sehr hohe Geschwindigkeiten beschleunigt werden, an Masse gewinnen. Bucherer bestätigt damit die spezielle Relativitätstheorie Albert Einsteins von 1905.