Massenproduktion beginnt

Auto und Verkehr 1908:

Am 12. August, sechs Tage vor seinem 78. Geburtstag, steigt der österreichische Kaiser Franz Joseph I. zum ersten Mal in seinem Leben in ein Auto und unternimmt, gemeinsam mit seinem Gast, dem britischen König Edward VII., in Bad Ischl eine Spazierfahrt. Nun hat auch für den Kaiser von Österreich das Automobilzeitalter begonnen.

In Detroit verlässt, zufällig am gleichen Tag, das erste Exemplar des von Henry Ford für die Massenproduktion entworfenen Wagens »Modell T« die Fabrik. Was könnte die Bedeutung, die das Auto erlangt hat, besser illustrieren als die zufällige Zeitgleichheit dieser beiden Ereignisse.

Von einem Spielzeug der Reichen, das es natürlich auch noch ist, wird das Auto zu einem erschwinglichen Fahrzeug für den Durchschnittsbürger, zumindest in den Vereinigten Staaten.

Anfang 1908 befahren laut Statistik 36 022 Automobile die Straßen des Deutschen Reichs, 1543 davon sind Lastkraftwagen. Von den Personenkraftwagen sind rund 19 000 sog. Krafträder. In Großbritannien ist die Zahl der Autos mit 74 038 mehr als doppelt so hoch. In Österreich-Ungarn sind Ende 1907 hingegen nur 2314 Automobile auf den Straßen unterwegs.

Die allgemeine Auto-Begeisterung ist groß und wird durch spektakuläre Rennen noch mehr angeheizt: Das Ereignis des Jahres ist die Automobil-Fernfahrt New York-Paris, an der sich sechs Wagen beteiligen. Der Grand Prix von Dieppe ist ein weiterer Höhepunkt des Autorennsports. In Deutschland findet die erste Prinz-Heinrich-Fahrt statt, die nach dem autobegeisterten Bruder Kaiser Wilhelms II. benannt ist.

Im Deutschen Reichstag wird angesichts der zunehmenden Automobilunfälle über eine Gesetzesvorlage debattiert, die den Besitzer für Schäden weitgehender als bisher haftbar machen soll. Dabei sagt der Abgeordnete Wagner u. a.: »Wir wünschen eine Verschärfung der Strafbestimmungen für Automobilunfälle, obwohl wir überzeugt sind, daß dem Automobil die Zukunft gehört und die weitere Entwicklung dieses Verkehrs nicht abzusehen ist … Uns führt die große Zahl der Automobilunfälle zu der Forderung, die Haftpflicht auszudehnen, wenn wir auch nicht zu amerikanischen Zuständen kommen wollen, wo Polizisten mit Lassos die schnellfahrenden Wagen abfangen …«