Poiret setzt mit expressiven »Baumwanzen« neue Maßstäbe

Poiret setzt mit expressiven »Baumwanzen« neue Maßstäbe
Entwürfe von Poiret (1908, Zeichnung von Paul Iribe), By Paul Iribe (La Couturière Parisienne) [CC BY-SA 2.0], via Wikimedia Commons

Mode 1908:

Die Mode nimmt in diesem Jahr einen emanzipierten Charakter an. »Les Modes« zeigt eine Reihe einfacher Schneider-Tailleurs und Trotteur-Kostüme. Die Jacken haben ein kleines Revers und Kragen sowie an den Achseln leicht gepuffte Ärmel. Wer es wagt, trägt darunter Herrenweste und Plastron oder dunkle Seidenkrawatte. Sehr mondän sind Jacken in Kasack-Form und weiße Blusen mit üppigen Spitzenjabots. Der Rock ist als Bahnen- oder Glockenrock geschnitten und muss um die Hüften eng anliegen, während er um den Saum bequem weit ist. Der Tagesrock ist noch gut knöchellang, verliert aber zunehmend die Schleppe. Das englische Modehaus Redfern ist bekannt für maßgeschneiderte Jacht-, Reise- und Tenniskostüme.

Wenig Beachtung finden die sehr gewagten »Robes Androgyne« von Morin-Blossier. Es ist das erste Mal, dass einteilige »Kleider« mit bodenlangen Hosen aus schwerer Seide oder Samt vorgeschlagen werden. Die sehr weiten Hosenbeine laufen im Saum zu einer Schleppe aus. Darunter wird eine Bluse mit Stehkrause und ebensolchen Manschetten gezeigt, die an die spanische Mode der Renaissance erinnern.

Die Abendkleider bleiben im Stil des Sans Ventre (»ohne Bauch«) und der nach vorn gedrehten Schleppe, wie sie typisch für die Mode des Jugendstils ist. Die Gesellschaftstoiletten sind zum Teil so tief dekolletiert, dass ein kostbares Unterkleid im Ausschnitt sichtbar getragen wird. Die verwendeten Stoffe sind in diesem Jahr besonders zart, liebt man doch Tüll über Seide, schwarze Spitze über hellem Voile. Dabei garantieren aufgenähte Jetperlen oder schwere Spitzeninkrustrationen einen geraden Fall. Weiß gilt als unschlagbare Modefarbe für Tageskleider.

Paul Poiret (1913) See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Paul Poiret (1913) See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Der Pariser Modeschöpfer Paul Poiret, der seit 1904 einen eigenen Salon besitzt, erreicht 1908 großes Aufsehen und nachhaltigen Erfolg mit der neuen Silhouette »Le Vague«. (Abgesehen davon, dass sie sein Lehrmeister Jean Philippe Worth als »Baumwanzen« ablehnte.) Es sind vollkommen geradegeschnittene Empire-Kleider, die trotz ihres sackartigen Schnittes nicht mehr plump wirken wie die ehemaligen Reformkleider. Zuweilen werden Tuniken darüber getragen oder einfache Blusen, die im Halsausschnitt nur durch ein Band gezogen sind, darunter. Durch ihre leichten Baumwoll- und Seidenstoffe, die durch grelle Farben wie Zitronengelb, Orange und Froschgrün auffallen, stehen sie in starkem Kontrast zu den gewohnten Pastelltönen. Die expressiven Farben entsprechen ganz der modernen Malerei, besonders jener der Malergruppe »Les Fauves« (dt. »Die Wilden«), die Poiret beeinflussen. Poiret ließ seine neuen Modelle von dem Modezeichner Paul Iribe zeichnen und in einem luxuriösen Album »Les Robes de Paul Poiret« in limitierter Ausgabe veröffentlichen. Neben Poiret macht sich der in Venedig arbeitende Spanier Mariano Fortuny als Modekünstler einen Namen. Seine im Stil eines griechisch-antiken Chitons gehaltenen »Delphos«-Roben erregen in erlesenen Kreisen erstmals Aufsehen. Fortuny stellt die Roben aus feinstem Seidenstoff her, den er selbst einfärbt und plissiert. Die Kleider haben keine Nähte, sondern sind an Schultern und an den Seiten mit kleinen Kaurimuscheln oder Perlen zusammengehalten. Sie sind so leicht und unproblematisch aufzubewahren, dass sie zusammengedreht und in Schuhschachteln verpackt in die ganze Welt verschickt werden. Beide Modeschöpfer, Poiret und Fortuny fordern, dass die Damen nur Hüftgürtel und Brustleibchen tragen, doch können sie sich damit kaum durchsetzen.

Durch die unterschiedlichen Linien ergeben sich in diesem Jahr verschiedenste Korsettformen. Den besten Sitz garantieren jene aus dem Hause Cadolle. Erstmals werden mit Fischbein verstärkte Brustleibchen – »maintien-gorge« – und Hüftgürtel – französisch »ceinture« – getrennt gearbeitet.

Sie stellen bereits ein Entgegenkommen an die natürliche Form der Frau dar. Gerade Korsetts werden neuerdings in einem Stück mit dem Beinkleid zugeschnitten, damit Hüften und Oberschenkel besonders schlank erscheinen.

Alle Korsetts werden stets über einem Brustleibchen und einem Unterrock getragen, der, um die Strapse an den Strümpfen befestigen zu können, leicht hochgerafft wird. Erst über dem Korsett wird das Unterkleid angelegt.