Trend zur Versachlichung

Wohnen und Design 1908:

Die Abkehr von der dekorativen Ornamentik des Jugendstils und Hinwendung zu einer funktional bestimmten Versachlichung der Formen ist die vorherrschende Tendenz des Kunsthandwerks und Möbeldesigns im Jahr 1908.

»Die Wohnung der Neuzeit« ist ein Artikel in der Leipziger »Illustrirten Zeitung« überschrieben, in dem es heißt: »Die vielen Irrungen und Kinderkrankheiten, die das neue Kunstgewerbe auch erst durchzumachen hatte, sind vorüber, und so wird hoffentlich auch die Zeit nicht mehr fern sein, wo man untermoderner Einrichtung nicht mehr etwas ganz Äußerliches, eineMode, ein Pflanzenornament, eine sinnlose Verschlingung versteht. Die Wandlung der Gesinnung, die Abkehr von bloßer Dekorationswirkung, der wachsende Sinn für Sachlichkeit und Gediegenheit und damit die Umwandlung von Unkultur zu echter Kultur ist doch zu spüren, nicht nur in dem kleinen Kreise geistiger Pioniere, sondern auch in weiteren Kreisen, in vielen deutschen Familien.«

Die Versachlichung ist untrennbar verknüpft mit der industriellen Herstellung von Gebrauchsgegenständen. Aus dem Kunsthandwerker, der seine ganze Aufmerksamkeit einem einzelnen Stück widmet, wird der Produktdesigner, dessen Entwürfe für die Serienproduktion bestimmt sind. Dieser sieht sich einer Fülle von Zwängen gegenüber, die von vornherein die Möglichkeiten individueller künstlerischer Gestaltung einengen: Maschinell hergestellte Waren müssen rationell, rasch und kostengünstig produziert werden können.

Der gegenwärtig bedeutendste Vertreter der Symbiose von Kunsthandwerk und industrieller Produktion ist Peter Behrens. Sein Eintritt in die AEG als »künstlerischer Berater« 1907 bedeutete einen radikalen Bruch mit seiner Vergangenheit als Jugendstil-Künstler. Mit Behrens beginnt eine neue Tradition industrieller Sachlichkeit, die sowohl in seinen architektonischen Arbeiten, wie etwa der AEG-Turbinenhalle als auch in seinen Entwürfen für Teekessel, Bogenlampen, Tischventilatoren u. a. ihren Ausdruck findet.

Auf dem Gebiet der Innenarchitektur und des Möbelbaus zählen Bruno Paul und Richard Riemerschmid zu den wichtigsten Exponenten der Neuen Sachlichkeit. Riemerschmid, der als Architekt den Bebauungsplan für die Gartenstadt Hellerau entworfen hat, entwickelt ein Maschinenmöbel-Programm von großer »minimaler« Ästhetik.

Seit 1907 propagiert der »Deutsche Werkbund«, eine Vereinigung von Architekten, Designern, Industrie, Kunsthandwerk u. a. die neuen ästhetischen Ideale.