Wenig Zeit für Erholung

Urlaub und Freizeit 1908:

»Wer den größten Teil des Jahres in einer Beschäftigung zubringen muß, die sein Gemüt nicht vollauf befriedigt, seine Kräfte übermäßig anspannt, ihn in beständiger Unruhe erhält, muß ein- oder zweimal im Jahre eine Zeit haben, die ihn von allem befreit, was ihn im Laufe des Jahres beschwert.« Kaum ein Deutscher hat die Möglichkeit, diesen Ratschlag Wilhelm His’ zu befolgen, den der Arzt in der Berliner Zeitschrift »Die Woche« (Nr. 34) gibt. Obwohl sich die Erkenntnis immer mehr durchsetzt, dass jahrelange Arbeit ohne Urlaub zu Nervosität, Abspannung und einer Vielzahl von Krankheiten führen kann, ist »Urlaub« für Arbeiter, mit wenigen Ausnahmen, noch ein Fremdwort. Ihnen bleibt zur Erholung meist nur der Sonntag. Für Reisen fehlt Zeit und Geld. Seit der Wannsee im Vorjahr zur öffentlichen Badeanstalt erklärt wurde, ist er der beliebteste Badestrand der Berliner, die sich einen Aufenthalt am Meer nicht leisten können. Wer allerdings die nötigen Mittel dazu hat, verlässt im Sommer die Großstadt. Zu den beliebtesten Reisezielen bürgerlicher Familien zählen die Badeorte an der Nord- und Ostsee, wie Borkum, Norderney und Swinemünde, und die Ferienorte in Süddeutschland. Nicht nur bei der Jugend werden Wanderungen in der Natur mit Übernachtung im Zelt immer populärer. Während sich in Deutschland »Camping« gerade durchsetzt, findet in den USA ein Trendwechsel statt, wie die »Frankfurter Zeitung« am 2. Juli berichtet:

»Der amerikanische Mittelstand beginnt in neuerer Zeit, das Sommerproblem auf praktische Weise zu lösen. Früher pflegte er sich mit Kind und Kegel in einem Kosthaus in den Bergen oder am Strande einzumieten und für sein teures Geld ein elendes Essen, viele Fliegen und Moskitos und andere noch anhänglichere Tierchen einzutauschen. Dann begannen manche, in großen Wäldern unter Leinwand zu kampieren. Sie hatten da die Genugtuung, daß sie jetzt nicht infolge fremder Kochkunst, sondern durch die eigene der Dyspepsie [Verdauungsstörung] verfielen und daß bei nachtschlafender Zeit allerlei kriechendes Getier Abwechslung ins Leben brachte. Jetzt beginnt eine neue Periode. Der Familienvater kauft sich irgendwo in den Bergen ein Stück Wald und baut einen Bungalow. Dieses einfache Bauwerk kann infolge der niedrigen Holzpreise sehr billig hergestellt werden.«