Wilhelm II. manövriert sich ins Abseits

Politik und Gesellschaft 1908:

Der Balkan ist nur eines der vielen Krisengebiete dieses Jahres, das auf politisch-diplomatischer Ebene von nervöser Spannung gekennzeichnet ist. Seit sich Großbritannien und Russland 1907 über ihre imperialistischen Interessen in Persien, Afghanistan und Tibet verständigt haben, ist Europa in zwei Machtblöcke geteilt: Den Dreibundstaaten Deutsches Reich, Österreich-Ungarn und Italien steht die Tripelentente von Großbritannien, Frankreich und Russland gegenüber. Während aber die Ententepartner 1908 enger zusammenrücken, wächst das Misstrauen der Mittelmächte gegenüber der Bündnistreue Italiens, das aus vielen Gründen den Anschluss an die Tripelentente sucht. So kommt es, dass sich das Deutsche Reich zunehmend isoliert fühlt, »eingekreist« von feindlichen Mächten, wie sich Kaiser Wilhelm II. in einer seiner martialischen Reden ausdrückt. Doch die vermeintliche Einkreisung ist eher eine Ausgrenzung Deutschlands: Großbritannien, Frankreich und Russland teilen die Objekte ihrer imperialistischen Interessen unter Ausschluss des Deutschen Reichs untereinander auf.

Deutschland ist an dieser Entwicklung nicht unschuldig. Besonders deutlich wird das im Sommer 1908, als Großbritannien auf verschiedenen Ebenen versucht, mit dem Deutschen Reich zu einem Abkommen über eine Verlangsamung der Flottenrüstung zu gelangen. Doch Kaiser Wilhelm erklärt, dass ihm ein besseres Verhältnis zu Großbritannien um den Preis des Ausbaus der deutschen Flotte nicht wünschenswert erscheine. So dreht sich die Rüstungsspirale weiter, und das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Staaten verschlechtert sich zunehmend. Wenige Wochen nach Beginn der bosnischen Annexionskrise erscheint in der britischen Tageszeitung »The Daily Telegraph« ein Interview mit Kaiser Wilhelm II., das den antideutschen Ressentiments in Großbritannien neue Nahrung gibt und im Deutschen Reich zu einem Aufschrei der Empörung über das »persönliche Regiment« des Kaisers führt. Die Affäre um die überheblich-dummen Behauptungen Wilhelms II. steigert sich zu einer innenpolitischen Krise. Sie endet mit dem Vertrauensverlust zwischen Wilhelm und seinem Kanzler Bernhard Fürst von Bülow und mit einer Stärkung des konstitutionellen Prinzips im Deutschen Reich.