Zahl der Arbeitslosen steigt

Arbeit und Soziales 1908:

Ein weltweites Nachlassen der Hochkonjunktur führt in allen Industriestaaten zu einem teilweise sprunghaften Anstieg der Arbeitslosenzahlen. Besonders stark ist die Zunahme der Arbeitslosen in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo sich die Auswirkungen der Finanzkrise und die bisher höchste Einwandererzahl negativ auf den Arbeitsmarkt auswirken.

Die Lage der Arbeiter im Deutschen Reich charakterisiert der sozialdemokratische Abgeordnete Schmidt am 3. März im Reichstag: »Die ungünstige Konjunktur hält an. Die Zahl der Arbeitslosen nimmt immer zu … Wenn die Unternehmer wirklich ein humanes Gefühl und sozialpolitisches Verständnis hätten, würden sie bei der sinkenden Konjunktur nicht gleich die Arbeiter auf die Straße werfen. Aber die Großindustrie läßt sich nur von dem Geldbeutelstandpunkt leiten. Und dabei sind die Preise der Lebensmittel fortwährend im Steigen. Die Sozialpolitik der Regierung wird nicht so weitergeführt, wie wir es wünschen. Das Gesetz über die Arbeitskammern erfüllt auch nicht die bescheidensten Wünsche der Arbeiter. Die Landarbeiter will man ganz davon ausnehmen; die Landarbeiter genießen auch nicht die Wohltaten des Krankenversicherungsgesetzes, und da verlangt man von ihnen, daß sie Liebe zur Scholle haben. Die Staatsbetriebe sind häufig nur ein Muster nach der schlechten Seite.« Um der sozialdemokratischen Partei etwas den Wind aus den Segeln zu nehmen, werden einige sozialpolitische Reformen durchgeführt. So wird etwa eine Gewerbeordnungsnovelle verabschiedet, wodurch eine genauere Regelung der Arbeitszeit für Frauen und Jugendliche festgesetzt wird. In Sachsen und Bayern werden neue Berggesetze angenommen, die die Lage der Bergleute verbessern. In Großbritannien wird ein Alterspensionsgesetz und der Achtstundentag für Bergarbeiter eingeführt. In Frankreich soll ein neues Einkommensteuergesetz die wenig Verdienenden entlasten.

Die wenigen staatlichen Reformen in den Industrieländern können jedoch Streiks und Demonstrationen nicht verhindern, die nicht selten zu blutigen Auseinandersetzungen mit der Polizei führen. In der italienischen Provinz Parma streiken von Mai bis Juli 30 000 Landarbeiter. In Frankreich setzt die Regierung berittene Polizei gegen streikende Bauarbeiter ein. Massenstreiks und Aussperrungen lähmen wochenlang die Arbeit auf den britischen Schiffswerften.