Aufbruch in die Moderne

Aufbruch in die Moderne
Berlin-Moabit: AEG-Turbinenwerk (Huttenstr. 12 Ecke Berlichingenstr.; erbaut 1909, Architekt Peter Behrens, denkmalgeschützt) By Doris Antony, Berlin (photo taken by Doris Antony) [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Architektur 1909:

Die Architektur befindet sich in einer Phase der Neuorientierung, die als Aufbruch in die Moderne aufgefasst werden kann. In Abkehr vom zuletzt oft schwülstig-überladenen, zum Eklektizismus neigenden Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts suchen Architekten einer neuen Generation nach einer nüchternen Formensprache. Dabei sind es vor allen anderen ein deutscher und zwei angelsächsische Architekten, Peter Behrens, der Schotte Charles R. Mackintosh und Frank Lloyd Wright (USA), die der Architektur 1909 neue Impulse geben.

Die von Peter Behrens entworfene AEG-Turbinenhalle in Berlin wird als überaus gelungenes Beispiel einer neuen Industriearchitektur gefeiert. Behrens, vormals ein führender Vertreter des Jugendstils, entwarf ein funktionales Fabrikgebäude, in dessen Gestaltung visuelle Leichtigkeit und Massivität in eine harmonische Verbindung treten. Der kulturell sehr interessierte AEG-Chef Emil Rathenau holte Behrens 1907 in das Unternehmen, für das er in den folgenden Jahren zahlreiche Produkte (z. B. Lampen) und Gebäude entwarf, die einen neuen Standard in der Industriearchitektur setzen. Auch das 1909 fertig gestellte Haus des Bürgermeisters Cuno in Hagen zeigt eine streng-harmonische Formgebung, die das solide Material voll zur Geltung kommen lässt.

Gegnerschaft zum Historismus und eine enge Beziehung zum Jugendstil kennzeichnen auch das Werk von Charles Rennie Mackintosh, der seine Vorstellungen in der 1909 fertig gestellten Glasgow School of Art auf grandiose Weise realisiert hat. Strenge im Ausdruck und eine großflächige Fassadengestaltung mit einer Tendenz zur Abstraktion bestimmen die äußere Wirkung des Baus. Den funktionalen Anforderungen entsprechend gestaltete Mackintosh das Innere des Gebäudes als dynamische Abfolge der einzelnen Räume, deren Ausführung ihren unterschiedlichen Zwecken angepasst ist. Als wegweisend wird u. a. die die Vertikale betonende Gestaltung der Bibliothek empfunden, die den Eindruck geradezu archaischer Einfachheit und Klarheit vermittelt.

Neben repräsentativen öffentlichen Gebäuden prägen zunehmend auch z. T. monumentale Kommerzbauten, insbesondere Kaufhäuser, das Erscheinungsbild der deutschen Innenstädte. 1909 wird in Düsseldorf das Tietz-Warenhaus fertig gestellt, das der 1908 verstorbene Architekt Joseph Maria Olbrich entworfen hat. Gegenüber den frühen Werken Olbrichs, der zu den führenden Vertretern des Jugendstils gehörte, weist die vertikal gegliedert Fassade des Kaufhauses eine ruhigere Formgebung mit Anklängen sogar an den Neoklassizismus auf. Das Düsseldorfer Tietz-Warenhaus ist ein weiteres Beispiel für eine vom Jugendstil inspirierte Architektur, deren Großbauten eine durchaus monumentale Wirkung erzielen, ohne dabei protzig zu sein.