Der Lebensstandard wächst

Arbeit und Soziales 1909:

Die Wirtschaftskrise von 1907, von der vor allem die USA und Großbritannien betroffen waren, ist überwunden. Im Deutschen Reich – von der Krise ohnehin nur in einem geringen Maße berührt – läuft die Konjunktur wieder auf vollen Touren.

Durch die insgesamt positive wirtschaftliche Entwicklung der letzten 20 Jahre herrscht in Deutschland bereits seit der Jahrhundertwende nahezu Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosenquote liegt 1909 mit 2,9% etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Gleichzeitig sind in den letzten Jahren die Löhne stark gestiegen. So betragen die durchschnittlichen Nominallöhne 1909 etwa das Doppelte derjenigen von 1871. Die Reallöhne stiegen um rund 50%. Besonders positiv verlief die Entwicklung in Wachstumsbranchen wie der Metallindustrie: Während ein Arbeiter 1900 ein durchschnittliches Jahreseinkommen von rund 1000 Mark erzielte, erhält er 1909 bereits knapp 1300 Mark.

Die Beamtenschaft profitierte von der steigenden Wirtschaftskraft Deutschlands – sie übersteigt 1909 erstmals die Frankreichs – bislang in einem unzureichenden Maße. Die Staatsdiener fordern und erhalten 1909 deshalb deutlich höhere Löhne. Im Mittelpunkt des Kampfes der Gewerkschaften, in denen bereits mehr als 2,2 Mio. Arbeiter organisiert sind, stehen dagegen weniger Lohnerhöhungen, als vielmehr die Forderung nach einer gesetzlichen Regelung der Höchstarbeitszeit, verbesserten Sicherheitsvorschriften, die Einschränkung der Sonntagsarbeit und das Verbot der Frauenarbeit in der Schwerindustrie. Durch die positive wirtschaftliche Entwicklung ist der Auswandererstrom deutlich zurückgegangen. Bis 1895 hatten rund 2,4 Mio. Deutsche ihre Heimat vor allem in Richtung USA verlassen. In den letzten Jahren ist die Zahl der Auswanderer stark gesunken. Die Entwicklung hat sich sogar umgekehrt: Das Deutsche Reich zieht nun immer mehr Einwanderer an.

1909 leben bereits rund eine Million Ausländer dauerhaft in Deutschland, hinzu kommen noch fast eine Million Saisonarbeiter. Die stark gewachsene Bevölkerungszahl – sie liegt 1909 bei 63,72 Mio. (1871: 41 Mio.) – sowie die Hochindustrialisierung haben im Deutschen Reich eine Binnenwanderung und Verstädterung zur Folge. Der Anteil der Deutschen, die in Städten leben, beträgt bereits rund 60% (1871: 36%). Vor allem die Metropole Berlin und das Ruhrgebiet sind bevorzugtes Siedlungsgebiet von Umsiedlern aus den vorwiegend landwirtschaftlich orientierten deutschen Ostgebieten.

Dabei geraten die wuchernden Großstädte an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Während für Angehörige der besserverdienenden Schichten ausreichend Wohnraum zur Verfügung steht, hat sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt für Arbeiter katastrophal verschlechtert. In den Arbeiterbezirken Berlins leben die Menschen in mehrstöckigen »Mietskasernen«. Selbst kinderreiche Familien sind gezwungen, in überteuerten, engen Ein- bis Zweizimmerwohnungen mit völlig unzureichenden hygienischen Einrichtungen zu leben.