Mehr Komfort und Sicherheit

Auto und Verkehr 1909:

Auch wenn das Straßenbild der deutschen Städte noch von Pferdefuhrwerken geprägt wird, setzt sich der Siegeszug des Autos fort. Die in den letzten Jahren zuverlässiger gewordene Technik und der gestiegene Fahrkomfort veranlassen trotz hoher Preise – ein Kleinwagen ist ab 5000 Mark erhältlich – immer mehr Menschen zur Anschaffung eines Automobils. Diese Entwicklung spiegelt sich in der Produktionszahl der deutschen Autohersteller wider, die von 434 im Jahr 1900 auf nunmehr rund 15 000 gestiegen ist. Hinzu kommen noch Importautos aus Frankreich und Italien, die auf dem deutschen Markt große Verkaufserfolge erzielen.

Für Aufsehen sorgen 1909 eine ganze Reihe von technischen Entwicklungen, die das Autofahren komfortabler und sicherer machen. In den USA unternimmt Charles F. Kettering erste Versuche mit einem Elektrostarter, der dem lästigen Ankurbeln des Motors ein Ende setzen soll. Die französische Firma Sizaire Naudin fertigt bereits die ersten Wagen mit Einzelradaufhängung. Große Fortschritte werden auf dem Gebiet der Bremsentechnik erzielt. Bislang verfügten die Autos nur über Hinterrad-Bremsen, bei denen Beläge aus Leder, Filz oder Holz eine auf Hinterrad oder -achse montierte Trommel umspannen. Versuche – etwa von der Firma Daimler – dieses Prinzip auch beim Vorderrad anzuwenden, waren gescheitert. Erst dem italienischen Ingenieur Isotta Fraschini gelingt es 1909, eine funktionstüchtige Vorderradbremse zu konstruieren. Eine weitere große Verbesserung ist die Trommelbremse mit innenliegenden Bremsbacken, die 1908 von den Adler-Werken entwickelt und 1909 erprobt und eingesetzt wird.

Eine der bevorzugten Zielgruppen der Automobilhersteller sind die Ärzte, die als erster Berufsstand die Vorteile eines Kraftfahrzeugs erkannten. Sie müssen zu jeder Tages- und Nachtzeit Krankenbesuche machen und waren bislang auf umständlich zu handhabende und langsame Pferdekutschen angewiesen. Besonders erfolgreich wird ein 1909 von der Firma Opel vorgestelltes Modell mit dem Beinamen »Doktorwagen«. Ausgestattet mit einem zuverlässigen 8-PS-Vierzylindermotor und praktischen Details wie abnehmbaren Felgen, die bei einer Panne einen raschen Reifenwechsel ermöglichen, wird er schnell zu einem Verkaufsschlager. Der »Doktorwagen« kostet in der Grundausstattung 4227,50 Mark. Erhältlich sind gegen Aufpreis ein Halbverdeck aus Segeltuch oder Leder sowie eine klappbare Frontscheibe, die bei Überland-Fahrten die Belästigung durch Staub verringern soll. Einen großen Verkaufserfolg erzielt die US-amerikanische Ford Motor Company. Sie bietet seit 1908 für 950 US-Dollar (4000 Mark) das »Modell T« an, das ein Jahr später bereits das meistverkaufte Auto in den USA ist. Die einfache, aber zuverlässige Bauweise, der robuste Vier-Zylinder-Reihenmotor mit 20 PS und der durch moderne Produktionstechniken erreichte günstige Preis machen das »Modell T« zu einem idealen Gefährt für die breite Masse. Allerdings hat der Wagen auch Mängel: Wegen der einfachen Fahrwerkskonstruktion gerät er leicht ins Schlingern und besitzt eine ungenügende Richtungsstabilität in Kurven. Bei höheren Geschwindigkeiten – möglich sind bis zu 67,5 km/h – klappert das »Modell T« ohrenbetäubend laut, was ihm den Beinamen »Tin Lizzy« (Blechlieschen) einbringt.

Regelrechte Kraftprotze bieten 1909 die deutschen Firmen Deutz und Benz an. Der neue »Deutz-Bugatti Typ 8a« ist mit einem 9900-ccm-Motor mit vier Zylindern ausgestattet, der 65 PS stark ist und eine Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h ermöglicht. 60 PS leistet der 7,3-l-Motor des neuen, bis zu 100 km/h schnellen »Benz-Tourenwagen« – angesichts der schlechten Straßen und der in vielen deutschen Städten und Ortschaften herrschenden Geschwindigkeitsbegrenzung auf 15 km/h eine mehr als ausreichende Leistung.