Nachwehen der Vorjahrsannexion

Nachwehen der Vorjahrsannexion
Französische Karikatur im Oktober 1908: Sultan Abdülhamid II. sieht hilflos zu, wie Kaiser Franz Joseph Bosnien-Herzegowina und Zar Ferdinand Bulgarien aus dem Osmanischen Reich herausreißen. See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1909:

Die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn bringt Europa im Frühjahr 1909 an den Rand eines großen Krieges. Damit fügt sich ein weiteres Glied in die Kette diplomatischer Krisen, die fünf Jahre später zum Kriegsausbruch führen werden:

Die Donaumonarchie hatte Ende des Vorjahres die formal noch zum Osmanischen Reich gehörenden Gebiete auf dem Balkan, die sie seit dem Berliner Kongress 1878 besetzt hielt, offiziell ihrem Staatsverband eingegliedert. Serbisches Säbelrasseln aus Empörung über diese Einverleibung beantwortet Wien mit der Teilmobilmachung seiner Streitkräfte. Die Regierung in Belgrad hofft in einem möglichen Waffengang mit Österreich-Ungarn auf die Unterstützung Russlands, die das Zarenreich im entscheidenden Moment jedoch versagt. Dabei spielt die bedingungslose Parteinahme des Deutschen Reiches für Österreich-Ungarn, wie sie in dem von Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow geprägten Begriff »Nibelungentreue« zum Ausdruck kommt, eine entscheidende Rolle. Angesichts dieser Konstellation schreckt Serbien vor einem Krieg zurück.

Die Beilegung der Bosnienkrise kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Spannungen in Europa weiter verschärft haben. Während die Mittelmächte Deutschland und Österreich noch enger zusammenrücken, intensivieren die Großmächte Großbritannien, Frankreich und Russland ihre Zusammenarbeit. Damit geraten Berlin und Wien tiefer in die Isolation. Zudem zeigen sich weitere Risse im Dreibund zwischen dem Deutschen Reich, der Donaumonarchie und Italien, das in einem Geheimvertrag mit St. Petersburg zusagt, sich für die Wahrung des Status quo in Südosteuropa einzusetzen. Wie explosiv die politische Lage in Europa am Ende des ersten Jahrzehnts im 20. Jahrhundert ist, zeigt sich an der Tatsache, dass sich nur fünf Jahre später an einem fast gleich gelagerten Konflikt auf dem Balkan der Erste Weltkrieg entzündet.

Französische Karikatur im Oktober 1908: Sultan Abdülhamid II. sieht hilflos zu, wie Kaiser Franz Joseph Bosnien-Herzegowina und Zar Ferdinand Bulgarien aus dem Osmanischen Reich herausreißen. See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Französische Karikatur im Oktober 1908: Sultan Abdülhamid II. sieht hilflos zu, wie Kaiser Franz Joseph Bosnien-Herzegowina und Zar Ferdinand Bulgarien aus dem Osmanischen Reich herausreißen. See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons