Sachlichkeit ist Trumpf

Sachlichkeit ist Trumpf
Les Modes 1909: Corsage mit Silberstickerei . Gürtel Silber, Spitze mit blauem Cabochon betont. Photograph in Les Modes : Revue mensuelle illustrée des arts décoratifs appliqués à la femme. By Félix [Public domain], via Wikimedia Commons

Mode 1909:

»Retour à la Simplicité«, zurück zur Einfachheit, heißt die von Paris ausgegebene Modedevise.

In der Tat sind es die sportlichen Kostüme und Tagesmäntel, die die aktuelle Mode präsentiert. Das »Costume Trotteur« mit nur hüftlanger Jacke und das »Costume Tailleur« haben einen sehr sachlichen Schnitt, von dem höchstens der breite, aber eckige Kragen, der Posamentverschluss sowie die Knopfbetonung abweichen. Das Damen-Jackett hat Herrenfasson. Cutaway- und Frackjacken unterstreichen einerseits die neue Sachlichkeit, andererseits lassen sie im Vorderteil die modische Empire-Linie zu. Zu allen Kostümen werden Gilet, Bluse mit Jabot und knöchellanger Bahnenrock getragen. Ganz den Erfordernissen angepasst sind Automäntel, Paletots und Redingotes. Sie sind durchweg aus starken Wollstoffen; Khaki, Beige und Grau überwiegen. Die Modehäuser Redfern und Lanvin sind Meister der sachlichen Mode. Strandwander- und Landpartiekleidung ist – und das ist neu – aus Trikot oder Rippenstrick, da unkompliziert und praktisch. Dazu gesellen sich Trägerröcke, deren Bluse darunter oder darüber getragen werden kann.

Einem z. T. übertriebenen Aufputz frönen nach wie vor die Nachmittags- und Abendkleider. Hier setzt sich ganz die Empirelinie im Stil Poirets durch. Der Pariser Modeschöpfer Paul Poiret macht Furore durch seine neue gerade Linie, eine Mischung aus Reformkleid und Empire. Über den unter der Brust leicht angereihten Rock aus Liberty-Seide legt er Tuniken aus dünnem Musselin oder Spitze. Die hohe Taille wird zusätzlich durch eine unter der Brust verschlungene, lange Schärpe betont, die in Troddeln, Quasten oder Fransen endet. Dem Stil Poirets entsprechen insbesondere die eleganten Hauskleider wie »Teagown« oder »Robe d’Intérieur«, die in einem durchgehenden, losen Prinzessschnitt gehalten sind.

Les Modes 1909: Corsage mit Silberstickerei . Gürtel Silber, Spitze mit blauem Cabochon betont. Photograph in Les Modes : Revue mensuelle illustrée des arts décoratifs appliqués à la femme. By Félix [Public domain], via Wikimedia Commons

Les Modes 1909: Corsage mit Silberstickerei . Gürtel Silber, Spitze mit blauem Cabochon betont. Photograph in Les Modes : Revue mensuelle illustrée des arts décoratifs appliqués à la femme. By Félix [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Abendkleider präsentieren sich als eine Mischung aus gewohntem Stil mit langer Schleppe und tiefem, nun betont viereckigem Dekolleté und der neuen Vorliebe für Tuniken. Diese sind waden- bis knöchellang, sodass oft nur noch die Schleppe des Kleides zum Vorschein kommt. Die Tuniken sind häufig ganz aus Metallspitzen oder aus Spitzen, die das in diesem Jahr beliebte Weintrauben-Muster aufweisen.

Am erlesensten sind die Abendmäntel, die im Rücken besonders weit gehalten sind. Sie sind aus Brokat sowie aus allen distinguierten Pelzen wie Chinchilla, Zobel, Hermelin und Nerz. Für erlesene Abendroben bekannt sind die Haute-Couture-Häuser Callot Soeurs, Beer, Drecoll und Bechoff-David. Sehr künstlerisch wirken die einem auserwählten Damenkreis vorbehaltenen Roben des in Venedig tätigen Künstlers Mariano Fortuny. Seine an griechische Tuniken erinnernden »Delphos«-Roben sind aus zarter, plissierter und in leuchtenden Farben gehaltener Seide. Sowohl die Stoffe als auch die Farben präpariert Fortuny selbst nach einem eigenen, 1909 in Paris patentierten Verfahren. Poiret tritt dafür ein, dass die Damen kein starres Korsett, sondern Brustleibchen und Leibgürtel tragen. Das berühmte Miederwarenhaus Cadolle stellt ein zweigeteiltes Korsett vor. Vollkommen ohne Korsett auszukommen können sich die Damen der Gesellschaft nicht vorstellen. Manche Ärzte sprechen ihnen – seit Jahrzehnten an Korsetts gewöhnt – sogar das Vermögen einer geraden Haltung ohne Korsett ab.

Gemäß dem insgesamt gewandelten Modestil treten sowohl bei der Frisur als auch bei den Accessoires modische Wandlungen ein. Zu den gelockten Knotenfrisuren des Jugendstils gesellen sich ondulierte, nur kinnlange Frisuren mit Zöpfen und Bändern.

In der Herrenmode bleibt weiterhin das oberste Gebot, zu jeder Gelegenheit passend angezogen zu sein. Deshalb muss der Herr sorgfältig zwischen Sakkoanzug, Gehrock, Cutaway, Smoking und Frack inklusive der passenden Accessoires wählen.

Internationale Modejournale: Ein Muss für die mondäne Frau

Die Dame von Welt abonniert Modejournale, die sie jeden Monat über die neuesten Kreationen der europäischen Hauptstädte informieren. »Les Modes« und »Femina« (beide seit 1901) sind die ersten Journale, die fast ausschließlich Modefotos bringen. »La Mode Parisienne« wird in Paris und Wien herausgegeben. Für die junge Leserin gibt es »Mademoiselle« aus Paris und »Modern Style« aus London. In Deutschland ist vor allem »Die Mode« verbreitet; sie bringt eher Alltägliches in Zeichnungen. Den Herrn informiert die Berliner Zeitschrift »The Gentleman«.