Strenge Form statt Ornament

Strenge Form statt Ornament
Wiener Werkstätte RMH40 / Foter / CC BY-NC

Wohnen und Design 1909:

Der Jugendstil, der um die Jahrhundertwende als revolutionäre Stilrichtung die avantgardistische Formgestaltung in ganz Europa dominierte, wird seit einigen Jahren von neuen Tendenzen immer weiter in den Hintergrund gedrängt. An die Stelle einer verspielten Linienführung, einer den Naturformen nachgebildeten Ornamentik, treten strenge Formen, in denen geometrische Figuren eine zentrale Rolle spielen. Den programmatischen Anspruch des Jugendstils jedoch, dass alle Bereiche der Kunst und des Lebens einander durchdringen, die Grenzen der Gattungen aufgehoben werden sollen, behalten auch diejenigen Künstler bei, die sich vom Jugendstil abgewandt haben.

Einen Einschnitt in der Entwicklung der modernen Formgestaltung bedeutete 1903 die Gründung der Wiener Werkstätte durch Koloman Moser und Josef Hoffmann. Wien, die Wirkungsstätte der Architekten Otto Wagner, Adolf Loos, Joseph Maria Olbricht, der Maler Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka, ist um das Jahr 1909 einer der zentralen Experimentierplätze der europäischen Formgestaltung.

Hoffmann und Moser bemühen sich, aus der Reduktion einen neuen Reichtum der Formen zu gewinnen, wobei sie nicht unsinnliche Kargheit, sondern ein Zusammenspiel von Schlichtem und Raffiniertem anstreben. Geometrische Schwarz-Weiß-Strukturen sind Wesensmerkmale der frühen Arbeiten aus der Wiener Werkstätte. Zuweilen greifen sie sogar auf schlichte Formen des Biedermeier zurück, einer Stilrichtung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich bislang keiner besonderen Wertschätzung erfreuen durfte. Für manchen Kritiker zeigt dies soziologisch eine Orientierung auf die bürgerlichen Mittelschichten, die zu einem neuen Selbstbewusstsein finden.

Um das Jahr 1909 erhält dieser nüchtern-strenge Stil auf der Suche nach neuen Inspirationsquellen einen Einschlag ins Kraftvoll-Primitive, bei dem u. a. Wiener Impulse mit Anregungen aus der britischen »Arts-and-Crafts«-Tradition (Charles Robert Ashbee, Charles Rennie Mackintosh) zusammenwirken. Streng geometrische Formen werden häufiger von einer bewegten, holzschnittartigen Linienführung überwölbt, bei der archaische Volkskunststile Pate standen. Aus dem Umkreis der Wiener Werkstätte ist es u. a. der junge Oskar Kokoschka, der voller Ungestüm »primitive« Elemente etwa in die Plakatkunst einbringt. Die Malerei löst allmählich die Architektur mit ihren tektonischen Formen als bestimmende Kunstgattung im neuen Design ab.

In Deutschland sind die Architekten, Designer und Kunsthandwerker im Umkreis des 1907 in München gegründeten Deutschen Werkbunds einem ähnlichen Programm verpflichtet wie die Wiener. Zu den Gründungsmitgliedern zählen u. a. Joseph Maria Olbrich, Richard Riemerschmidt und Bruno Paul.

Grundlegende Neuerungen ergeben sich auch im Industrie-Design, wobei mit Peter Behrens, Gründungsmitglied des Werkbunds, ein ehemals führender Vertreter des Jugendstils wesentliche Impulse gibt, nachdem er sich von der als ausgezehrt empfundenen naturhaften Ornamentik abgewandt hat. Als künstlerischer Berater der Allgemeinen Elektrizitätswerke (AEG) in Berlin versteht er es, industriellen Massenprodukten eine ästhetisch ansprechende, dabei funktionale Form zu geben. Den häufig schwülstig-verschnörkelten Formen des historistisch orientierten Massengeschmacks setzt er eine klare Linenführung entgegen. Seine Entwürfe wirken stilbildend und setzen neue Maßstäbe für die optische Erscheinung einer immer mehr von Gebrauchsgegenständen aus Massenproduktion bestimmten Alltagswelt. Auch als Architekt von Industriegebäuden entwirft Behrens einige Bauten, die der architektonischen Moderne zum Durchbruch verhelfen. Eindrucksvolles Beispiel ist die 1909 fertiggestellte AEG-Maschinenturbinenhalle in Berlin.