Es brodelt weiter in Europa

Es brodelt weiter in Europa
Admiral Alfred von Tirpitz forderte die Aufrüstung der Marine. gemeinfrei via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1910:

Für Europa ist 1910 ein Jahr trügerischen Friedens. Konflikte werden nicht mit Waffen ausgetragen, sondern artikulieren sich in diplomatischen Aktivitäten und in lautstarken Reden nationalistischer Politiker.

Die allgemeine Hochrüstung, das deutsch-britische Wettrüsten zur See, der deutsch-französische Gegensatz in Marokko, die Elsass-Frage, die Spannungen auf dem Balkan, italienische Annexionsgelüste in Nordafrika, die österreichisch-italienischen Reibungen um »unerlöste« italienische Gebiete im Habsburgerreich – die Konflikte sind allgegenwärtig und bereiten den Boden für eine Konfrontation, die sich zum Weltkrieg ausweitet.

Rom gehört wie Berlin und Wien dem Dreibund an, doch die Donaumonarchie misstraut der Bündnistreue dieses Partners und verstärkt die Truppen im Isonzo-Gebiet. Unklar bleibt die Rolle Russlands: Zwar ist das Zarenreich mit Großbritannien und Frankreich vertraglich verbunden, die Potsdamer Entrevue zwischen dem Zaren und dem deutschen Kaiser wird in London und Paris jedoch mit Irritationen zur Kenntnis genommen.

Die Initiative, die zu wichtigen Verschiebungen im Fernen Osten führt – auch hier ohne Krieg –, kommt aus dem Land der Dollardiplomatie: Washington fordert die Großmächte auf, gemeinsam mit den USA die wirtschaftliche (und damit politische) Führung im Reich der Mitte zu übernehmen. Als Formel für die Aufteilung Chinas hat das Weiße Haus das Schlagwort von der »offenen Tür« geprägt. Während Berlin und London kühl reagieren, führt das amerikanische Vorpreschen zur Einigung der Gegner Russland und Japan: Der Zar überlässt dem Tenno Korea und erhält dafür freie Hand in der Mandschurei; auf britische Interessen wird bei diesem Handel keine Rücksicht genommen. Am 22. August annektiert Japan das Kaiserreich Korea.