Mit Gewalt und Schwüren gegen den „Modernismus“

Mit Gewalt und Schwüren gegen den „Modernismus“
Der so genannte Antimodernisteneid wurde am 1. September 1910 von Papst Pius X. eingeführt. By Tryphosa Bates-Batcheller (1876–1952), see source for details (Library of Congress) [Public domain], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1910:

Auch auf wirtschaftlichem Gebiet äußert sich die Gärung: Für Frankreich ist 1910 das Jahr mit den bislang meisten Streiks in diesem Jahrhundert, Ähnliches gilt für Großbritannien, und die Aussperrung von rund 200 000 Bauarbeitern im Deutschen Reich ist bisher einmalig. Inquisitorisch reagiert der Vatikan auf das Phänomen, dass Menschen selbstständig zu denken und zu handeln beginnen, ohne die Obrigkeit zu befragen: Er bezeichnet die Unruhe, die auch viele Katholiken erfasst, als »Modernismus« und verpflichtet alle Geistlichen einschließlich der katholischen Hochschullehrer zum »Antimodernisteneid«, einem Schwur, der die Beschäftigung mit modernem sozialem, politischem und philosophischem Gedankengut verbietet und jährlich wiederholt werden muss.

Auch die deutsche Regierung, die keine vom Volk gewählte ist, muss einer wachsenden Opposition begegnen. Die Strafversetzung nicht systemkonformer Beamter ist dabei eine wirksame Methode, da sie kaum zu Schlagzeilen führt. Kanalisierung heißt ein anderes Mittel: Um der Sozialdemokratie das Wasser abzugraben, wird der Ausbau des sozialen Netzes in der sog. Reichsversicherungsordnung vorbereitet. Für das ideologische Rüstzeug sorgt der oberste Kriegsherr: Wilhelm II. entwirft in seiner Königsberger Rede das Idealbild eines Volks unter Waffen, in dem die Männer »kriegerische Tugenden« pflegen, die Frauen »stille Arbeit im Haus« zelebrieren und ihre Kinder »zum Gehorsam und zum Respekt« erziehen. Der Mann, der sich »als Instrument des Herrn« betrachtet, verschweigt nicht, was er vom Parlamentarismus hält: »Ohne Rücksichten auf Tagesansichten und -meinungen gehe Ich Meinen Weg.«