Arbeiterhäuser, Pomp und rationalistische »Scheusale«

Arbeiterhäuser, Pomp und rationalistische »Scheusale«
Fagus-Werk in Alfeld. Carsten Janssen / cc-by-sa-2.0-de [CC BY-SA 2.0 de], via Wikimedia Commons

Architektur 1911:

Drei Bauvorhaben, die in diesem Jahr fertiggestellt werden, kennzeichnen die divergierenden Grundtendenzen in der Architektur des Jahres 1911.

Am 1. April beziehen die ersten Arbeiterfamilien die im Auftrag des Stahl- und Rüstungskonzerns Krupp errichteten Wohnungen auf der Margarethenhöhe in Essen, eine Siedlung, die international als vorbildlich gilt. Angesichts der verheerenden Wohnungsnot in den Großstädten erscheinen umfassende städtebauliche Maßnahmen wichtiger als vereinzelte Eingriffe. Hieraus resultiert eine Blüte des Siedlungsbaus nicht nur für Arbeiter (Anlage der Gartenstadt Hellerau bei Dresden seit 1909).

Das am 4. Juni in Rom eingeweihte Nationaldenkmal für den italienischen König Viktor Emanuel II. zählt zu den pompösesten Bauwerken des Neubarock. Im Gegensatz zu den meisten eklektizistischen Stilen hält sich diese historisierende Stilrichtung vor allem bei Repräsentationsbauten, in denen das Bürgertum durch die Reaktivierung historischer Formen dem eigenen wirtschaftlich-sozialen Aufstieg Ausdruck verleihen will (Bank- und Verwaltungsgebäude, Rathäuser, Sportpaläste, Stadttheater, Krankenhäuser). Bei der am 22. Mai eröffneten Hohenzollernbrücke in Köln hingegen verbindet sich der Neubarock wilhelminischer Prägung mit der Funktionalität moderner Eisengitterarchitektur.

Die Errichtung von »Nationaldenkmälern« spiegelt die Bedeutung des Nationalbewusstseins. So sind nicht nur 100 000 Menschen bei der Einweihung des Nationaldenkmals in Rom dabei, auch die Enthüllung des Denkmals für Königin Viktoria in London gerät zum Staatsakt. Im Deutschen Reich wird am 18. Oktober das Richtfest für das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gefeiert (1913 eingeweiht): Der wuchtige, graue Granitbau von 91 m Höhe mit seiner archaisch wirkenden Stilisierung, die auf erhabene und heroische Wirkung abzielt, gilt als die reinste Bekundung des Monumentalismus der spätwilhelminischen Ära und der ideologischen Aufrüstung am Vorabend des Weltkriegs.

Die Faguswerke in Alfeld mit der wohl ersten Verwendung einer Außenhaut aus überwiegend Glas stellen eine der Pionierleistungen der modernen Industriearchitektur und des Rationalismus dar. Im architektonischen Rationalismus wird die Form aus objektiven Anforderungen abgeleitet. Sie bleibt nicht der Willkür eines Urhebers überlassen, sondern ergibt sich aus der Summe der sozialen, ökonomischen, funktionalen und konstruktiven Rahmenbedingungen. Zu den Pionieren des Rationalismus zählt neben Walter Gropius Peter Behrens, in dessen 1911 für die Frankfurter Gasgesellschaft errichteten Bauten allerdings traditionelle Formvorstellungen nachwirken, ebenso wie in den Repräsentationsbauten, die er als Manifestationen der Macht seiner Auftraggeber schafft: Mannesmanngebäude in Düsseldorf (1911/12), Deutsche Botschaft in Petersburg (Ausführung 1911/12 Ludwig Mies van der Rohe).